Studieren, wie es beliebt: Wie lange geht das noch?

"Presse"-Leitartikel von Erich Witzmann

Wien (OTS) - Unsere Universitäten müssen Europa-konform werden, auch beim Zugang zu den Unis.

Österreich ist Europa-Schlusslicht, nicht nur bei der Akademikerquote, sondern auch bezüglich der Zugangsbeschränkungen zu den Universitäten. Auch wenn Selektion eine Bezeichnung ist, die automatisch eine Abwehrhaltung auslöst - sie findet europaweit bei der Zulassung zu den tertiären, der Matura nachfolgenden Bildungswegen statt. Und zwar deutlicher und schärfer, als dies hierzulande beim Medizinstudium und einigen anderen Fächern derzeit der Fall ist.
Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat am Wochenende einige Überlegungen zur Studiengebühr geäußert, die Rektorenkonferenz hob am Montag mit einer Tagung zum Hochschulzugang das Thema auf eine generelle Ebene: auf jene der überforderten Universitäten, die mit einem zu geringen Budget zu viel Studierende auszubilden und zu betreuen haben.
Die Rektoren sympathisieren mit einer Studienplatzbewirtschaftung, die Hochschülerschaft läuft gegen jede Restriktion Sturm (und gegen die 363,36-Euro-Semestergebühr), ähnlich auch die Grünen. Aber schon die SPÖ tut sich in ihrer Regierungsverantwortung schwerer als in Oppositionszeiten. Die Studiengebühr hat die SPÖ bereits geschluckt, jetzt wird sie wohl beweisen müssen, wie der Ansturm auf die Massenfächer mit der kargen Finanzierung eben dieser Studien zu bewältigen sein soll. Dass dies nicht möglich ist und dass Österreich auch nur eine begrenzte Zahl an Psychologen oder Politikwissenschaftern benötigt, wird sich wohl auch bald in der Kanzlerpartei herumsprechen.

Kehren wir zur Ausgangssituation zurück: Die Studiengebühr in Österreich ist eine der geringsten in Europa. Sieht man von Medizin/Zahnmedizin ab, dann sind die Eingangshürden in den anderen Fächern - wenn überhaupt vorhanden - ebenfalls die niedrigsten in der EU. Dass in Österreich ein Mangel an Technikern und Naturwissenschaftern besteht, ist ebenfalls eine Tatsache. Dieser letzte Punkt ist allerdings eine gesamteuropäische Entwicklung, auch mehrere Alarmtagungen in Brüssel konnten kein Gegenrezept finden. Auf der einen Seite also überlaufene Massenfächer mit miserablen Studienbedingungen, auf der anderen Seite naturwissenschaftliche Studien, in denen ein passables Betreuungsverhältnis (Uni-Lehrer zu Studierenden) gegeben ist und zudem ein guter Berufseinstieg winkt:
Dass der Staat hier aufgerufen ist, regulierend einzugreifen - nicht zuletzt zu Gunsten der Studierenden -, liegt auf der Hand.
Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Juli 2005 (Aufhebung der bis dahin bestandenen Zugangsbeschränkung für Ausländer im Medizinstudium) setzt uns unter Zugzwang. Denn die damals schnell vom Nationalrat beschlossenen Restriktionen in den acht deutschen Numerus-clausus-Fächern sind ein Provisorium, das mit dem Wintersemester 2007/08 ausläuft. Es ist also auf jeden Fall eine Neuregelung erforderlich - die mögliche (von der EU-Kommission angekündigte) neuerliche Klage beim EuGH kommt noch dazu.

Zeit darf man sich also nicht mehr lassen. Österreich muss erstens umgehend bei der Kommission glaubhaft machen, dass ein neuer Uni-Zugangsmodus erarbeitet wird und Brüssel daher mit der Klage beim EuGH zuwarten solle. Zweitens muss eine gesamteuropäische Lösung angepeilt werden, die in einem Abtausch der Ausbildungskosten bestehen kann. Deutschland müsste dann für einige tausend Studierende in Österreich zahlen. Österreich für einige hundert in Deutschland. Diese Variante wurde schon 2005 erörtert, aber wegen des größeren administrativen Aufwands verworfen.
Drittens muss Österreich mit sich selbst ins Reine kommen. Auch ohne EuGH müssen die Studentenströme kanalisiert, die Drop-out-Quote gesenkt und die "richtigen" Absolventen ausgebildet werden. Der unkritisierte Aufnahmemodus an den Fachhochschulen ist auch für die Universitäten ein überlegenswerter Ansatz: Hier wird nur eine bestimmte Zahl an Studienplätzen zur Verfügung gestellt, zugelassen werden die in den Eingangstests Erfolgreichen. Der Vorschlag von Minister Hahn, die Studiengebühren unter der Höchstgrenze variabel zu gestalten - also in Studien mit zu geringer Nachfrage zu senken -sollte nicht von vorneherein verteufelt werden. An der Montanuniversität ist dies ja mit Hilfe von Industrieunternehmen bereits geschehen, diese haben für die Leobener Studenten im ersten Studienjahr die Gebühr entrichtet. Gerade dieses Beispiel zeigt, dass es innovative Lösungen gibt.

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