Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Der arme H.C.

Wien (OTS) - Also, jetzt hat uns H.C. Strache endlich die Zeitgeschichte erklärt. Jetzt wissen wir, dass Engelbert Dollfuss "unter jeder Kritik" gewesen sei. Deswegen, so ist daraus wohl klar zu schließen, waren die österreichischen Nazis offenbar auch völlig im Recht, als sie diesen Untermenschen (übrigens als erstes ihrer Opfer hierzulande) ermordet hatten. Aber waren diese Nazis nicht dieselben, von denen sich Strache in seiner 50-minütigen Rechtfertigungs-Suada zu distanzieren versucht hat? Und begreift er nicht, dass jeder, nur nicht er in seiner jetzigen Lage, kritisch über Dollfuss sprechen sollte?

Aber seien wir ehrlich: Wo und wann hätte sich denn der arme Dentist H.C. neben ständigem Geländespielen im Walde, Biertrinken, Uniformanziehen und (stündlich anders interpretierten) Fingerspreitzungen ein differenziertes und faktenorientiertes Geschichtsbild aneignen sollen? Zwischen pauschalierenden Instrumentalisierern der Geschichte, pauschalierenden Apologeten der NS-Zeit und vielen ahnungslosen Nachgeborenen ist ein solches Bild in der Tat nur schwer erhältlich.

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Das Engagement der Neonazis hat in den letzten Jahrzehnten auch der Sache Südtirols schwer geschadet - obwohl gerade Adolf Hitler der größte Verräter an dieser Volksgruppe gewesen ist. In der Folge bekamen im Lauf der Zeit immer mehr Menschen das Gefühl, Sympathie für die Südtiroler wäre etwas Extremistisches - obwohl lange alle Parteien Österreichs das Selbstbestimmungsrecht für sie gefordert hatten, obwohl einst untadelige Österreicher von Fritz Molden bis zu Bruno Kreisky den Kampf um dieses Recht unterstützt haben.

Da ist es schon eine beschämende Ironie der Geschichte, dass an Stelle österreichischer Kommentatoren nun ausgerechnet ein italienischer Ex-Präsident verlangt, einen Südtiroler Sportler auch als solchen und nicht als Italiener zu bezeichnen.

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Bei ganz anderen Themen versuchte an diesem Wochenende Peter Pilz, intellektuell das Niveau von H.C. zu erreichen. Denn wer wie P.P. ernstlich meint, Radar allein genüge, um unerlaubte Überflüge, um entführte Flugzeuge, um wahnsinnige Piloten zu stoppen, der braucht im Sinne Franz Vranitzkys tatsächlich einen Arzt.

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