Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Das Stiefel-Revival

Man fühlt sich von Tag zu Tag mehr in die Zeit Viktor Klimas zurückversetzt, als dessen boulevardesker Aktionismus mit seinen gelben Allzeit-Bereit-Gummistiefeln oder roten Boxhandschuhen die Befassung mit wirklichen Problemen substituiert hat. Als man höchstens zu monatelangem Streit über Zahnkronen imstande war. Jetzt wird uns dafür eine tagelange Debatte über einen Nachhilfe gebenden Bundeskanzler serviert. Zuvor gab es drei Tage lang moralinsaure Erregung über alkoholische Geschmacklosigkeiten österreichischer Soldaten auf Auslandseinsätzen. Und nun eine ebenso künstliche Aufregung darüber, dass vor Jahren dümmliche Offiziere bei einer Party einen Beamten auf Zielscheiben mit dem Konterfei des Finanzministers zielen ließen (worüber selbst Karl-Heinz Grasser als einziges "Opfer" schon vor Jahren nur müde lächeln konnte).

Irgendwie verwandelt sich die politische Szene in ein Mädchenpensionat im Stil des 19. Jahrhunderts. Mit den diversen Spin-Doctoren und Boulevard-Medien als heuchlerische Gouvernanten. Andere und zwar heiklere Fragen bleiben hingegen links liegen. Etwa:
Warum kann in Österreich die in einem Großteil der Welt sich durchgesetzt habende Erkenntnis, dass Atomkraftwerke die einzige effiziente Antwort auf die globale Erwärmung sein dürften, nicht seriös diskutiert werden? Nur weil sich der grün-rote ORF in eine stramme Außenstelle von Greenpeace verwandelt hat?

Oder: Warum müssen sich eigentlich unbescholtene Staatsbürger als Zeugen vor U-Ausschüssen von einem Herrn Stadler anbrüllen lassen?

Mehr Debatte hätte sich auch der Schachzug des SPÖ-Vorsitzenden verdient: Er ist mehrfach dem FPÖ-Obmann beigesprungen - und öffnet sich damit als wahrer Erbe Bruno Kreiskys für die Zukunft jene dritte strategische Option, die einst von Franz Vranitzky zugeschüttet worden ist. Neben der ungeliebten großen und der zwar von beiden Seiten geliebten, aber von den Wählern stets verhinderten rot-grünen Koalition verpflichtet er sich nun die Freiheitlichen zu Dankbarkeit. Während die ÖVP wieder wie zu Buseks und Rieglers Schrumpfkurs-Zeiten die FPÖ ignoriert, wird Alfred Gusenbauer das solcherart unbemerkt angesparte politische Kapital eines Tages zweifellos gut nutzen können.

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