"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die man rief, die Geister, wird man kaum noch los" (Von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 26.01.2007

Graz (OTS) - Er denke nicht daran, sich gnadenhalber in den ÖGB-Vorstand kooptieren zu lassen, bekundete gestern der bei der Wahl durchgefallene Chef der Beamtengewerkschaft, Fritz Neugebauer. Man werde sich jetzt eben selbstständig machen, einen Zweigverein gründen neben dem Hauptverein ÖGB.

Das sei gelebte Demokratie, jubelte man nach dem unerwarteten "Erfolg" an der Basis des ÖGB. Mitnichten. Demokratie findet im ÖGB schon lange nicht mehr statt. Die Abwahl des einzigen schwarzen Chefs einer Teilgewerkschaft war ein Betriebsunfall, Produkt der Frustration über die Reformunwilligkeit vor allem auch der eigenen Spitzenfunktionäre.

Die Strukturreform ist so stümperhaft, dass das Mitspracherecht einer ganzen Teilgewerkschaft ausradiert werden konnte. Die Überparteilichkeit wird verbal beschworen und faktisch durch das Nein zu Direktwahlen systematisch vereitelt. Die Alternative waren bisher von oben verordnete Funktionen für Minderheiten. Auch das funktioniert nicht mehr.
Neugebauer wirkte allerdings nur kurz gekränkt und dann fast erleichtert, wie nach einem Befreiungsschlag. Seit Monaten zerren "seine" Beamten, mehrheitlich schwarz, am Korsett, das ihnen der ÖGB aufzwingt. Nun hat es fast den Anschein, als hätte Neugebauer diese Entwicklung provoziert, um endlich die gewünschte Abkoppelung, die ihm und den Seinen zumindest in ihrer Domäne mehr Macht und finanzielle Selbstständigkeit verschaffen würde, durchzusetzen.

Das kann eine Vorstufe zu dem sein, was angeblich ohnehin für die kommenden zwei Jahre angedacht ist innerhalb des ÖGB: mehr Selbstständigkeit für die Teilgewerkschaften.

Die frühzeitige Verselbstständigung, die Tatsache, dass man sich außerhalb der Gemeinschaft platziert, bevor diese noch in gemeinsamem Bemühen die Reform realisiert, könnte aber auch eine Dynamik auslösen, die de facto zur Spaltung des ÖGB führt. Der andere wird schnell zum "Feind", gegenüber dem man sich stärken muss. Das Bemühen, "Freunde" zu sammeln, könnte dazu verleiten, aus der "Beamtengewerkschaft" eine "schwarze" Gewerkschaft zu formen, die auch Nicht-Beamte ködert.

Am Ende stünden die Spaltung der Gewerkschaft und damit das Ende der Sozialpartnerschaft.
Die verletzten Eitelkeiten und die heftigen Reaktionen ließen erkennen, dass manche sich innerlich schon weit von anderen entfernten. Die Spaltung nennt aus heutiger Sicht wohl keiner als Ziel. Aber die Geister, die man rief, wird man möglicherweise nicht mehr los.****

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