DER STANDARD-Kommentar "Demokratie schmerzt" von Petra Stuiber

- Ausgabe 26.1.2007

Wien (OTS) - Fritz Neugebauer sagt, er nehme die Angelegenheit "nicht persönlich". Dass er nicht in den ÖGB-Bundesvorstand gewählt worden sei, habe mit Politik zu tun - und ergo einer "konzertierten Aktion der sozialistischen Gewerkschafter" gegen ihn, den einzigen mächtigen "Schwarzen" im ÖGB.

So einfach gestrickt ist die Angelegenheit freilich nicht: Denn andere schwarze Gewerkschafter, sogar zwei Spitzenfunktionäre der GÖD, wurden sehr wohl gewählt. Insgesamt halten die Christgewerkschafter bei drei Vertretern im höchsten Gewerkschaftsgremium - das sind sogar mehr als die mitgliederstärkeren Privatangestellten haben. Dass Neugebauer daher von den "roten" Kollegen in der GÖD vor "übereilten Schnellschüssen aus gekränkter Eitelkeit" gewarnt wird, ist aus deren Sicht verständlich. Ob die Appelle ausreichen, den mächtigen Mann an der Abspaltung zu hindern, wird sich erst zeigen.

Neugebauers Reaktion sagt einiges aus. Nicht nur über ihn, sondern über eine ganze Generation von Spitzengewerkschaftern, die im ÖGB jahrzehntelang schier allmächtig regiert haben. Diese "alten Hasen" sind ehrlich überrascht und wirklich gekränkt, wenn sie mit den Konsequenzen von Demokratie konfrontiert werden. Es schmerzt nun einmal, wenn man nicht gewählt wird. Aber die angemessene Reaktion darauf wäre, sich zu fragen, was man in Zukunft anders/besser machen könnte - anstatt gleich den verbalen Bihänder auszupacken.

Der Dachverband ÖGB wiederum wird damit leben müssen, dass einige Teilgewerkschaften - vor allem so selbstbewusste wie die GÖD -ehernen Zentralismus nicht länger akzeptieren werden und nach mehr Selbstständigkeit trachten. Nachdem man sich nicht auf die Formel "Eine Gewerkschaft für alle Mitglieder" einigen konnte, ist das die logische Konsequenz.

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