Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Titanic ÖGB

Wien (OTS) - Im Orchester der Titanic toben heftige Intrigen. Zwei Musiker werden hinausgeworfen. Der uncharismatische Dirigent beruhigt jedoch im Funktionärs-Chinesisch, es gehe nur um "Befindlichkeiten". Die Musiker glauben daher noch einmal, die Welt wäre heil. Und begreifen nicht, dass es ziemlich dumm ist, ausgerechnet jenen Mann hinauszuekeln, der noch ein Rettungsboot hat. Bis sich dann ein blöder Klumpen gefrorenen Wassers dem Schiff in den Kurs stellt . . .

So ungefähr geht es beim Österreichischen Gewerkschaftsbund zu. Die Nichtwahl zweier Kandidaten für die "Gremien" ist nicht sein gravierendstes Problem. Sie ist nur bezeichnend für die dort herrschende politische Intelligenz. Denn die brüskierte Beamtengewerkschaft ist die letzte Gruppe, die noch ein "Rettungsboot" hat, der nicht die Mitglieder davonlaufen, deren Streikdrohungen noch halbwegs ernst genommen werden.

Auch der "bedauerliche Kriminalfall" rund um einen raffinierten Gauner im proletarischen Nadelstreif ist trotz des Milliardenschadens nicht das zentrale ÖGB-Problem. Er ist nämlich kein Zufall, sondern zwangsläufiges Produkt der Unfähigkeit, mit der Gewerkschafter immer wieder in die Wirtschaft einzugreifen versucht haben. Als Unternehmer wie bei Konsum, Bawag und Rapid; als Kollektivvertragspartner; als politische Nebenregierung.

Viele Gewerkschafter begreifen es bis heute nicht: Ohne die tollen Profite seiner Firmen in Mittelosteuropa, ohne die vom ÖGB bekämpften (und unzureichenden!) Sanierungsreformen der letzten Regierung wäre Österreich in eine ähnlich schwere Krise geschlittert, wie sie jahrelang die anderen ehemaligen Wirtschaftswunderstaaten Deutschland und Japan gedemütigt hat. Sie haben nicht begriffen, dass jede verhinderte Kündigung eines Mitarbeiters drei Arbeitsplätze kostet (weil sich die Arbeitgeber in der Folge vor neuen Anstellungen hüten); dass staatliche Schuldenpolitik die großen Krisen der Zukunft auslösen wird (zumal Österreich zugleich mit der vollen Wirkung der Überalterung konfrontiert sein wird); dass unsere Spielregeln nicht mehr im Lande und auch nicht mehr in Brüssel, sondern auf den Weltmärkten gemacht werden. Und dort schert man sich um den ÖGB ungefähr so viel wie Eisberge um den Kurs der Titanic.

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