"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Bauch contra Kopf" (Von Gabi STARCK)

Ausgabe vom 24. Jänner 2007

Innsbruck (OTS) - Der Kopf sagt: Natürlich leitet die EU heute wegen der Quotenregelung beim Medizinstudium neuerlich ein Verfahren gegen Österreich ein. Denn gerade Frau und Herr Tiroler wissen als erprobte Europäer sehr gut, dass jegliche Regelung, die Österreicher bevorzugt und deren Interessen vor die anderer EU-Bürger stellt, dem Prinzip der Union widerspricht. Erfahrung diesbezüglich sammelt Tirol bei Grundverkehr und Transit ja schon seit Jahren.

Der Bauch aber sagt: Das darf nicht sein. Wie sollte sich Österreich anders gegen den Ansturm deutscher Medizinstudenten wehren als mit einer Quote? Denn: Fällt die Regelung - 75 Prozent Österreicher, 20 Prozent EU-Bürger und fünf Prozent Nicht-EU-Bürger -, wären zwei Drittel aller erstsemestrigen Mediziner in Innsbruck deutsche Staatsbürger. Noch absurder wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass bei unserem nördlichen Nachbarn in vielen Regionen Ärztemangel herrscht. Warum also werden dort nicht mehr Uni-Plätze geschaffen? Und wie kommt Österreich dazu, anderen Ländern die Ärzteausbildung zu finanzieren? Einen Ausgleich dafür zu verlangen, würde endlose Verhandlungen mit 16 Bundesländern voraussetzen, denn in Deutschland sind Universitäten Länder- und nicht Bundessache.

Deutschland ist sich des Problems bewusst. Es hat Verständnis für das Problem gezeigt und will keinen Druck in Richtung EuGH machen. Aber Gnade vor Recht ergehen zu lassen, ist eben nicht EU-konform. Ein Trost: Österreich steht heute nicht allein am Pranger. Belgien teilt das Schicksal, weil dort Franzosen die Unis stürmen. Vielleicht ist das ein Grund für die EU-Kommission in Brüssel, ein wenig Bauchgefühl im Kopf zuzulassen und eine akzeptable Lösung zu finden. Da ist aber nicht nur die Kommission, sondern auch unser neuer Wissenschaftsminister gefordert. Er muss mit Argumenten überzeugen. Seine Vorgängerin hat das verabsäumt.

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