Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Die Amokprediger

Gespräch mit einem liberalen türkischen Intellektuellen: Er wundert sich, warum jemand weiterhin auf Kosten des österreichischen Steuerzahlers Lehrer ausbilden darf, der in seinen Reden unverhüllt zum Dschihad im Irak und in Israel sowie zum Sturz arabischer Herrscher aufruft. In anderen westlichen Ländern wäre der Mann zumindest als Lehrer sofort entlassen worden.

Und in der Türkei selbst? Da stehen die Imame und jede ihrer Predigten a priori unter Aufsicht und Zensur der staatlichen Religionsbehörde.

Das verstößt aber doch ganz gegen die europäische Idee von Menschenrechten? Gewiss, antwortet er: Aber es gäbe keine Alternative bei einer Religion, die weder einen Papst noch sonstige Hierarchien habe, um einen Amok laufenden Geistlichen zur Räson bringen oder absetzen zu können.

Während also radikale Elemente in ihrer Heimat kaum Spielraum fänden, strömten sie mit Vorliebe in jene Demokratien, wo die Behörden ihre Sprache nicht verstehen, großen Respekt vor der Religionsfreiheit haben, und nicht begreifen, dass sich im Islam jedermann als Imam präsentieren kann.

Wir scheinen vor einem unlösbaren Werte-Konflikt zu stehen. Auf der einen Seite stehen Religionsfreiheit und die hart erkämpfte Trennung von Kirche und Staat; auf der anderen Seite steht die Abwehrpflicht des neutralen Rechtsstaats gegen Elemente, die zu Kriegen in anderen Ländern aufrufen, die insbesondere (aber nicht nur) durch ihr Frauenbild gegen die Menschenrechte verstoßen. Zufällig amtieren in allen vier für dieses Thema zuständigen Ministerien neue Chefs: in den beiden Bildungs-, im Innen- und im Justiz-Ressort. Es wäre aber schlimm, würden sich alle vier nach den Einarbeitungstagen noch lange um die hier fälligen Entscheidungen drücken, würde die Causa etwa in Kompetenzfragen zwischen den beiden Bildungsministern stecken bleiben, oder würde sich die Republik gar auf den Standpunkt zurückziehen: Wenn jemand strafrechtlich (gerade noch) davonkommt, wäre er automatisch als Lehrer tragbar.

Immerhin geht es um österreichische Kinder. Und immerhin scheinen wir uns einig, dass die jungen Moslems als Österreicher, als islamische Österreicher integriert, und nicht zu Instrumenten von Kampfpredigern gemacht werden sollten.

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