"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Nur ein Anfang" (Von Michael SPRENGER)

Ausgabe vom 23. Jänner 2007

Innsbruck (OTS) - Für den einst so mächtigen Gewerkschaftsbund war das abgelaufene Jahr 2006 ein nahezu unvorstellbares Horrorjahr. Die Gewerkschaftsbank Bawag setzte ein milliardenschweres Vermögen in den Karibiksand, der so legendäre Streikfonds wurde ausgeräumt, der ÖGB schlitterte an den Rand des Konkurses. Die Glaubwürdigkeit und der moralische Anspruch des Vertreters der Arbeitnehmer wurden im Casinokapitalismus aufs Spiel gesetzt.

Die Gewerkschaftsbank ist mittlerweile Geschichte, der ÖGB ist sein Vermögen los, die eigene Zentrale verkauft. Jedoch ist der ÖGB nun schuldenfrei, doch 40.000 Mitglieder haben aus Frustration den ÖGB verlassen. Schlimmer hätte eine Krise nicht verlaufen können.

Nun versucht der lange Jahre so reformresistente Gewerkschaftsbund beim Bundeskongress einen Neustart. Vielleicht ein zu großes Ansinnen. Konsolidierung wäre angebracht. Denn was nun an Reformschritten beschlossen werden soll, kann nur ein Anfang sein. Nein, es verlangt niemand, dass ÖGB-Funktionäre künftig im Büßergewand auftreten müssen, doch ein Sonderapplaus wäre doch reichlich übertrieben: Nur weil künftig ein Gewerkschaftsfunktionär ein Maximal-Monatseinkommen von 5.800 Euro, das sich aus höchstens zwei bezahlten Funktionen zusammensetzen soll, haben darf. Und dass sich auch im ÖGB künftig der Frauenanteil erhöhen und es vereinsintern ein Mehr an Demokratie und Kontrolle geben soll, wäre schon längst fällig gewesen.

Trotz Bawag, Penthouse und alledem. Es ist den Arbeitnehmern zu wünschen, dass die Gewerkschaft mit positivem Selbstbewusstsein aus diesem Bundeskongress hervorgeht - und ihre Depression ablegt. Denn letzten Endes ist in einer Demokratie eine starke und aktive Gewerkschaft unverzichtbar. Das Wissen darüber ist bei der Gewerkschaftsspitze vorhanden, doch jetzt müssen Taten gesetzt werden.

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