"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wer Schweine aufzieht, gilt als produktiver Teil der Gesellschaft" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 23.01.2007

Graz (OTS) - Bunter und offener will die ÖVP nun also werden. Vor allem nimmt sich die schwarze Perspektivengruppe vor, allen Lebensrealitäten gerecht werden zu wollen, den Alleinerziehern, Patchwork-Familien, Singles. Alles zusammen macht dann die neue Buntheit aus? Oder ist nur jener bunt, der in einer Patchworkfamilie oder als Single lebt und ist jener altmodisch, der fünf Kinder hat und das vielleicht noch mit ein- und demselben Partner? Und soll jetzt die Ein-Kind-Familie oder das ökonomisch klügste Modell, die Null-Kind-Familie, als Idealtypus propagiert werden, weil dieser Typus als modern gilt und an den Schalthebeln sitzt?

In der Gesellschaftspolitik habe niemand Vorschriften zu machen, lautet die neue Losung. Recht hat die ÖVP. Jeder soll leben, wie er will. Ein Land, das bei den heutigen Geburtenraten aber nicht ausschließlich ein Leben mit Kindern als Ideal propagiert und fördert, begräbt sich selbst. Die ÖVP ist auf dem besten Weg dazu.

Bereits heute trifft der Vergleich eines Familienexperten zwischen Schweinen und Kindern auf Österreich zu. Wer Schweine aufzieht, gilt als produktiver Teil der Gesellschaft, wer Kinder aufzieht, als unproduktiv. Es fehlt im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich nicht nur in der ÖVP das Bewusstsein für den ökonomischen Wert der Kindererziehung. Was nicht verwundert, wenn selbst die Familienministerin als intelligente Frau glaubt, sich durch ihre eigenen Geldzahlungen von der Nachwuchsgeneration unabhängig machen zu können. Dass die Kindergeneration später als alleinige Aktivgeneration die Gesamtheit zu versorgen haben wird, dürfte schlicht verdrängt werden.

Was Österreich und offensichtlich auch die ÖVP bräuchte, ist eine radikale Bewusstseinsänderung, was den Wert von Kindern betrifft. Dafür müsste sie sich einsetzen. Bemüht hat sich die VP bislang darum, Erleichterungen für "bunte" Lebensrealitäten zu verhindern -wie das Familienpaket von Karin Gastinger mit Erleichterungen für Patchwork-Familien.

Wenn die ÖVP meint, es würden ihr längst abgeschnittene alte Zöpfe angedichtet, irrt sie. Eine Partei, die sich selbst bei der Pflegefreistellung noch gegen die Gleichbehandlung aller Familientypen stellt, trägt so viele alte Zöpfe, dass sie ihre ureigenste Aufgabe als Regierungspartei nicht mehr sieht: die Schieflage in der Lastenverteilung zwischen jenen, die Unterhaltsleistungen erbringen, und jenen, die keine erbringen, aufzuzeigen und zu beseitigen. Nein, das hat nichts mit Buntheit zu tun - aber mit Zukunft. ****

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