Apokalyptische Reiter im zweiten Frühling

"Presse"-Leitartikel von Franz Schellhorn

Wien (OTS) - Die Erde mit weniger Schmutz zu überschütten ist eine gute Sache. Mit Klimaschutz hat das aber weniger zu tun.

Wer etwas ändern will, beginnt wohl am besten damit, den Leuten einmal eine Portion Angst einzujagen. Diese Art der "Motivation", erwünschtes Verhalten zu erreichen, ist nicht sehr sympathisch, funktioniert aber prächtig. Vor allem, wenn das Thema stimmt. Eines dieser Themen nennt sich Erderwärmung. Wer in den vergangenen Wochen Ski fahren war, aufmerksam Zeitung gelesen, ferngesehen oder sich den Orkan "Kyrill" aus der Nähe "gegeben" hat, würde am liebsten nur mehr Elektroauto fahren. Um nur ja nicht zu den Schmutzfinken zu gehören, die schuld daran sind, dass der Kontinent für kommende Generationen verspielt wird.
Ein derartiges Szenario stellen die Prediger des Untergangs in Aussicht. Erschwerend für unser ohnehin belastetes Gewissen kommt hinzu, dass es sich bei den unbequemen Botschaftern keineswegs nur um "grüne Spinner" handelt. Zudem ist dieser ungewöhnlich warme Winter für alle Klima-Pessimisten so etwas Ähnliches wie für den Fußballer ein Elfmeter ohne Tormann.
Was auch der staatliche Rundfunk rasch erkannt hat und derzeit den "Klimawandel" eingehend thematisiert. Nein, nicht um die schier greifbare Panik der Freunde des Pistenzaubers weiter anzutreiben, wie der ORF beteuerte. Natürlich nicht. Dass vergangenen Sonntagabend der Untergangsstreifen "The Day After Tomorrow" zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde, sollte vermutlich zur Versachlichung der Debatte führen. Wer den Film nicht gesehen hat: Es geht mehr oder weniger darum, dass die nördliche Halbkugel innerhalb weniger Stunden (!) unter einer meterdicken Eisdecke verschwindet. Weil verantwortungslose Menschen so viel Dreck in die Luft jagten, dass nun das Klima zurückschlägt. Irgendwann werden wir noch draufkommen, dass wir Geld nicht essen können . . .
Zur aktuellen Sturmflut der Panikmache ist freilich einiges zu sagen:
Erstens: Den Klimawandel zu leugnen wäre ungefähr so dumm, wie die demografische Schieflage der Gesellschaft in Abrede zu stellen. Der Klimawandel findet statt. Das ist wenig überraschend, weil sich das Klima seit jeher wandelt. Ferner wissen wir, dass es seit dem Beginn der regelmäßigen Aufzeichnungen (1860) in der nördlichen Hemisphäre um 0,6 Grad wärmer wurde. Konkret stiegen die Durchschnittstemperaturen seit Mitte der 70er-Jahre um knapp 0,4 Grad Celsius, in den dreißig Jahren davor wurde es um 0,2 Grad kühler. Zweitens: Wir wissen nicht, ob der Mensch diese Erwärmung ausgelöst hat. Etwa durch erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen. Die Faktenlage ist längst nicht so klar, wie behauptet wird. Folglich haben wir es mit einer Vermutung zu tun, wenn auch mit einer gängigen.
Prüft man diese Vermutung, schießen einem folgende Fragen durch den Kopf: Wie kann die Universität Bern zum Schluss kommen, dass die Gletscher in den vergangenen 10.000 Jahren mehrheitlich von geringerer Ausdehnung waren als heute? Warum gibt es aus der Römerzeit keinen einzigen Reisebericht, in dem von großen Gletschern in den Alpen die Rede ist? Und wie kann es sein, dass es vor rund tausend Jahren in etwa so warm war wie heute und die Römer in Nordengland Wein ernteten? Wir reden hier von Zeiten, in denen von Industrieschloten und Autokolonnen doch eher wenig zu sehen war. Drittens: Das heißt nicht, wir können ruhig ein wenig kräftiger aufs Gas steigen, weil es eh wurscht wäre. Im Gegenteil: Wir sollten die Emissionen unserer Industrie, unserer Haushalte, unserer Autos und Flugzeuge senken. Allerdings weniger, um den Klimawandel in den Griff zu kriegen. Es spricht nämlich viel dafür, dass wir das nicht oder nur kaum können. Etwa eine Modellrechnung der Uni Zürich: Derzufolge würde im Falle einer vollständigen Umsetzung aller Kyoto-Ziele die Erderwärmung bis 2100 gerade einmal von 2,1 auf 1,9 Grad gebremst werden.

Wir sollten die Emissionen deshalb herunterfahren, weil es für keinen Menschen angenehm ist, täglich Auspuff- und Industriegase einzuatmen. Das fällt unter den Begriff Lebensqualität. Zudem ist es höchste Zeit, dass der industrialisierten Welt etwas dazu einfällt, wie wir vom Erdöl und Erdgas loskommen. Das ist das vorrangige Ziel, das es zu erreichen gilt. Damit wir uns nicht länger von ein paar durchgeknallten Despoten tyrannisieren lassen müssen. Deshalb ist alles zu unternehmen, den Verbrauch dieser Rohstoffe ordentlich zu reduzieren - und damit die Emissionen. Wenn dabei auch noch die Erderwärmung gebremst werden sollte, wird wohl niemand etwas dagegen haben.

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