Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Paintball statt Politik

H.C. Straches Erklärung für die seltsamen Fotos aus seinen Jugendtagen, die derzeit kursieren, scheint nicht widerlegbar: Er habe, so sagt er, damals mit Freunden "Paintball" gespielt, sich also mit Farbe absondernden Spritzpistolen bekämpft. Wer hat als Jugendlicher keinen Unsinn getan?

Straches wahres Problem ist jedoch, dass er dem postpubertären Paintball-Alter nie entwachsen ist. Seit Jahren wenden er und das ganze blau-orange FPÖ-Lager alle Energie auf, sich mit ehemaligen Freunden Paintball-Duelle zu liefern. FPÖ gegen BZÖ, Strache gegen Stadler, BZÖ-Recken gegen einen Leibgardisten einer abtrünnigen Ex-Ministerin, Haider gegen den jeweiligen Rest seiner eigenen Partei, oder Strache gegen alle Freiheitlichen, die irgendwie intellektuell wirken.

Gewiss: Man kann das Ganze auch als demokratische Vielfalt interpretieren. Aber es fällt jedenfalls stark auf, dass weltweit solche internen Duelle am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums besonders häufig sind. Jeder will Führer sein und niemand hat ein konsistentes Programm.

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Mit verbalen Paintball-Pistolen wird derzeit auch die "Wiener Zeitung" - von anderer Seite - heftig bespritzt, weil man mit bestimmten Gastkommentaren nicht einverstanden ist. Wir haben uns vorgenommen, uns an diesem von eher geringer Reife zeugenden Spiel nicht zu beteiligen. Wir wollen vielmehr immer für Meinungsfreiheit und Pluralismus offen stehen. Im Sinne Voltaires: Ich lehne zutiefst ab, was Sie sagen, werde aber immer dafür kämpfen, dass Sie es sagen können. Selbst wenn man nicht nach jedem Halbsatz kommentiert, zu wie viel Prozent man diesen teilt oder ablehnt.
Also etwa, dass die Holocaust-Lüge der extremen Rechten schwachsinnig, widerwärtig und kränkend ist (um die es in dem vom sogenannten "Dokumentationsarchiv" inkriminierten Text übrigens gar nicht gegangen ist); dass es zum Instrument totalitärer Staaten gehört, wenn Politiker bestimmen wollen, wer Richter in einer Causa ist; dass es ebenso einzuordnen ist, wenn man versucht, die Freiheit der Medien oder Strafverteidiger einzuschränken. Anwälte und Zeitungen waren seit jeher die wichtigsten Säulen der Demokratie, die von Diktatoren immer als erstes niedergerissen wurden.

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