"Die Presse" Leitartikel: "Österreichs gefährliche Kinder-Krankheit" (von Rainer Nowak)

Ausgabe vom 22.1.2007

Wien (OTS) - Eine zynische Gesundheitsministerin und die Wiener Kinderfeinde: So bleibt die Geburtenrate sicher niedrig.
Will man einem Touristen die lokalen Gepflogenheiten Wiens näher bringen, bietet sich ein kleiner Streifen Papier als Anschauungsmaterial an: ein Fahrschein der Wiener Linien zum halben Preis. Der gilt sowohl für einen Hund als auch für ein Kind. Ungerechterweise muss letzteres keinen Beißkorb tragen. Nicht einmal einen kleinen rosa Knebel, der das Brüllen und laute Brabbeln verhindern und das entspannte Schweigen in den U-Bahnen und Straßenbahnen sicherstellen könnten. Denn ehrlich: Fratzen stören am Weg zum Job doch, oder?
Glaubt man den publizierten Reaktionen auf das Bekenntnis der neuen Familienministerin Andrea Kdolsky, wonach Kinder nerven, müsste dieser kleine Beitrag über die Fahrschein-Politik der Wiener Linien eigentlich besonders "erfrischend", "unkonventionell" und "offen ehrlich" sein? (So der Tenor der Kdolsky-Verteidiger.)
Nein? Stimmt: Er ist zynisch und beleidigend. Anders formuliert: Wenn eine Familienministerin Applaus bekommt, wenn sie Kinder nervtötend nennt, sollte endlich der Innenminister sagen dürfen, dass manche Verbrechensopfer schuld sind, weil sie etwa ihre Wohnungen nicht richtig gesichert haben. Wo ist der Sozialminister, der sich in seinen ersten öffentlichen Aussagen einmal gegen die zahlreichen Sozialschmarotzer in Österreichs stellt? Und warum sagt die Frauenministerin nicht endlich, dass viele ihrer Geschlechtsgenossinnen wirklich zicken? (Wenn Alfred Gusenbauer im Ö3-Frühstück witzelt, dass er zu Hause für die Einnahmen, seine Frau hingegen für die Ausgaben zuständig sei, geht das ohnehin schon in die Richtung.)

Nein, Minister haben in erster Linie die Aufgabe, ihrer Häuser vernünftig zu führen und im Rahmen politischen Vorgaben passende Sätze zu formulieren. Dass sie das häufig in Funktionärs-Kauderwelsch oder mittels leerer PR-Worthülsen tun, macht die Aussagen der Gesundheitsministerin - zu Nachwuchs, Rauchen und persönlichen Ernährungsgewohnheiten - nicht besser. Ebenso wenig, dass sie wegen des bisher engen Korsetts des VP-Familienbildes für eine neue Offenheit stehen könnte: Wenn es in der ÖVP ernst wird, gilt noch bis auf weiteres in Abwandlung Elisabeth Gehrers: Kinder für Frauen, Parties für Männer. Die zähe VP-Werte-Debatte einmal außer Acht gelassen: Vor der Frage "Wie kinderfreundlich, falsch:
kinderfeindlich ist Österreich?" fürchten sich Politiker aller Couleurs. Wegen der Antwort nämlich: sehr. Denn viel spricht dafür, dass die Gesundheitsministerin mit ihrer "erfrischenden" Meinung nicht allein ist. Das legen individuelle Erfahrungen nahe, die jeder mit Kind innerhalb von Minuten im nächsten Park oder der nächsten Straßenbahn machen kann, das bezeugen Aussagen von Experten wie jene von Tourismus-Forscher Peter Zellmann, der zuletzt in der "Presse" meinte, "der ganze Freizeitbereich sei weitgehend auf kinderlose Menschen" angelegt. Oder in dürrer Statistik: Laut Eurostat lag Österreich im Jahr 2005 bei der Fruchtbarkeitsrate mit 1,41 Kindern unter dem - schwachen - EU-Schnitt. In diesem Vergleich liegt Frankreich mit 1,94 Kindern klar voran: Das ist jenes Land, in dem es ein flächendeckendes Netz an günstigen und kostenlosen Kinderbetreuungsstätten gibt. Von einem solchen Ziel liest man weder im Regierungsübereinkommen noch wagte Kdolsky ein solche, für VP-Hardliner mutige Forderung zu erheben.

Auch die skandinavischen Ländern liegen vor Österreich. Das sind jene Länder, in denen Mütter (und Väter, so sie in Karenz gehen) in der ersten Zeit der Kinderbetreuung großzügige Leistungen, die nach der Höhe ihres bisherigen Gehalts richten, bekommen. Ähnliches hat Deutschland gerade beschlossen, in Österreich feiert man hingegen kleine Verschiebungen beim Kindergeld (zu Gunsten berufstätiger Frauen) als großen Erfolg.
In Wien kann sich Kdolsky, die ihre Bekanntheitswerte in Rekordzeit verbessert hat, als Ministerin aber auf jeden Fall wohl fühlen: Die Wahrscheinlichkeit, im schönen Steirereck - Achtung: unten in der Meierei herrscht Rauchverbot! - oder im Fabio auf Kleinkinder zu treffen, ist gleich Null. Genug Ruhe also, um neben der Kleinigkeit einer notwendigen Gesundheitsreform auch künftige Interviews vorzubereiten und zu bedenken: Bestimmte Aussagen haben vor allem symbolische Wirkung. Wenn politisch schon kaum Verbesserungen der Situation von Kindern und Eltern geplant sind, wiegen die sogar noch schwerer: Solche negativen Stimmungsäußerungen ähneln nämlich ein bisschen den Kinderkrankheiten: Sie sind sehr, sehr ansteckend.

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