"Kleine Zeitung" Kommentar: "Heiter orientierungslos" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 21.1.2007

Graz (OTS) - Eigenartig verquer mutet die Gemütslage der beiden Regierungsparteien an. Die SPÖ ist wegen ihrer inneren Zerwürfnisse tief unglücklich, hätte aber machtpolitisch allen Grund, im Glück zu schwelgen: Sie hat die Hofburg, den Ballhausplatz und den Küniglberg, der Rest kommt noch.

Die ÖVP hingegen macht einen ausgesprochen heiteren, aufgeräumten Eindruck, sie ist berauscht vom Beutezug und den guten Umfragen, hätte aber Gründe, der Zufriedenheit zu misstrauen. Darunter tut sich ein Ideologiedilemma auf, das größer und langlebiger sein könnte als das akute Glaubwürdigkeitsproblem der SPÖ.

Die ÖVP hat sich durch den Bund mit der FPÖ nach rechts verschoben. Sie will zurück in die Mitte, aber dort sitzt die SPÖ des Alfred Gusenbauer. Zwar hat er schmerzlich Auskunft darüber verweigert, wie seine Idee von Österreich aussieht, aber er ist klug genug, dem breiten Mainstream zu folgen und dessen Vernunftsformel: So viel Staat und Hilfe wie notwendig und so viel Eigenverantwortung wie möglich. Damit wird Gusenbauer auch die Studiengebühren begründen, wenn die gebrochenen Versprechen vergessen sein werden. Er wird bürgerlich-pragmatisch regieren wie Kreisky, mit mehr sozialer Empathie als Wolfgang Schüssel.

Natürlich ist es Thermik-Kitsch zu behaupten, das Land sei kalt geworden, aber die ÖVP hat zugelassen, dass es so ankam. Jetzt kommt der Arbeitersohn und schnappt sich das Gesellschaftsmodell eines Josef Riegler. Gusenbauer wird Hüter jener ökosozialen Marktwirtschaft, zu der die ÖVP heimfinden wollte. Es ist ideengeschichtlich ihr Haus, aber es ist lange leergestanden. Jetzt hat der Mieter alle Rechte.

Die ÖVP will sich öffnen, aber weiß nicht, wohin. Sie will urbaner werden, aber hat einen Agrarier als Chef und einen zweiten als Zukunftshoffnung. Sie will in der Schulpolitik Zeichen setzen und das Ergebnis heißt Neugebauer. Und so fort.

Die Verkörperung der heiteren Orientierungslosigkeit ist die neue Ministerin Kdolsky. Was sie zum Rauchverbot sagte, diskreditiert sie als Ärztin, was sie über Kinder sagte, als denkender Mensch. Ihr öffentliches Bekenntnis, wie lästig Kinder in Haubenlokalen sein können, ist deshalb so ärgerlich, weil es eine hedonistische Haltung verstärkt, die unsere Gesellschaft um ihre Zukunft bringt: das Kind als Belästigung, als Störfaktor auf dem Weg zum schnellen Glück.

Natürlich soll man so daherreden dürfen. Aber muss so jemand Familienministerin werden? Dass die ÖVP die Kopflosigkeit als Beleg neuer Weltoffenheit rühmt, verrät ihre Selbstvergessenheit. Es verwundert, dass sie so fröhlich ist. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001