"Kleine Zeitung" Kommentar: "Serben haben die Wahl zwischen Europa und einem Mythos" (von Alexander Orssich)

Ausgabe vom 20.01.2007

Graz (OTS) - Bei der morgigen Parlamentswahl in Serbien geht es um mehr als um die Verteilung von 250 Sitzen. Es geht darum, ob Serbien, dessen Verhandlungen über ein Assoziierungsabkomen mit der EU wegen der mangelnden Zusammenarbeit mit dem Haager Kriegsverbrecher-Tribunal ausgesetzt wurden, doch einen Weg nach Europa findet - oder ob es den Rückfall in die nationalistische Vergangenheit gibt.

Das Thema Kosovo war im Wahlkampf stets präsent. Doch obwohl alle Parteien die Unabhängigkeit der überwiegend von Albanern bewohnten Provinz ablehnen, kristallisierten sich doch zwei Lager heraus.

Im einen befinden sich die nationalistischen "Radikalen" des in Den Haag inhaftierten Vojislav Seselj, die laut Umfragen mit rund 30 Prozent morgen zur stärksten Partei werden dürften, sowie die heute eher bedeutungslosen Sozialisten des verstorbenen Ex-Diktators Slobodan Milosevic.

Im anderen Lager dominieren die zwei "Demokratischen Parteien" von Staatspräsident Boris Tadic und Regierungschef Vojislav Kostunica. Die Tadic-Demokraten, eine den europäischen Sozialdemokraten ähnliche Mitte-Links-Partei, setzen sich für die EU-Mitgliedschaft ein und lehnen jede Koalition mit den Radikalen ab. Aber sie werden kaum mehr als 20 Prozent der Stimmen erreichen. Die Kostunica-Demokraten könnten daher mit laut Umfragen nur zehn Prozent der Stimmen zum "Zünglein an der Waage" werden.

Regierungschef Kostunica schlägt immer wieder nationalistische Töne an. Niemals würde er "den Kosovo für eine EU-Mitgliedschaft opfern". Aber die Frage nach einer Koalition mit den "Radikalen" lässt er offen. Doch auch alle anderen Parteien vermeiden es, sich auf künftige Koalitionspartner festzulegen. Alle warten die Entscheidung von Marti Ahtisaari, UN-Chefunterhändler für den Kosovo, der Ende nächster Woche bekannt geben will, wie es mit der umstrittenen Provinz weitergehen soll.

Dabei haben die meisten Serben ganz andere Sorgen. Sie plagt die hohe Arbeitslosigkeit von 28 Prozent - inoffiziell sollen es sogar 40 Prozent sein - und das geringe Durchschnittseinkommen von kaum 250 Euro. Die meisten jungen Serben waren noch nie im Ausland, weil sie überall ein Visum brauchen. Was sie täglich zu sehen bekommen, ist die Not.

Viele haben daher den Glauben an die Zukunft verloren und wollen gar nicht zu den Urnen gehen. Dabei könnte sich gerade morgen entscheiden, ob Serbien weiter einem großserbischen Mythos nachhängt oder ob es endlich nach Europa aufbricht. ****

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