"Die Presse" Leitartikel: Edmund "Hamlet" Stoibers tragisches Ende (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 19.1.2007

Wien (OTS) - Bayerns Landesfürst hat es sich selbst zuzuschreiben, dass er so unsanft vom Thron gestoßen wurde.

Zu allerletzt dämmerte es dann auch Edmund Stoiber, dass seine Zeit endgültig abgelaufen ist. Erst als es gar nicht mehr anders ging, kündigte der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef seinen Rücktritt an. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nachrichtenagenturen bereits die Namen seiner Nachfolger verbreitet: Günther Beckstein und Erwin Huber. Der eine soll Ministerpräsident werden, der andere Parteivorsitzender.
Vermutlich hätte der Deal, dem angeblich auch Stoiber zugestimmt hat, noch einige Zeit geheim gehalten werden sollen. Das hätte dem Mann, der 14 Jahre lang den bayerischen Freistaat durchaus erfolgreich gelenkt hat, einen ehrenhafteren Abschied ermöglicht. Doch das Schweigegelübde hielt nicht einmal 24 Stunden. Die Parteispezln kannten keine Gnade. Von christlichsozialen Tugenden wie Achtung oder Dankbarkeit war da gar nichts mehr zu bemerken. Die CSU jagte ihren Vorsitzenden vom Hof wie einen meineidigen Bauern, der goldene Heugabeln gestohlen hat.
Mit einem Shakespeareschen Königsdrama, wie angesichts der geballten Niedertracht einige schrieben, hatte das letztlich wenig zu tun, eher schon mit Peter Steiners Theaterstadl. Die CSU hat sich in den vergangenen Wochen wie ein provinzieller Verein rachsüchtiger Tollhäusler präsentiert, nicht wie Europas erfolgreichste Volkspartei. Es spricht Bände, dass es in all den Tagen des öffentlich ausgetragenen Streits nie auch nur ansatzweise um Inhalte ging, sondern immer nur um Personen.
Die Intrigen, mit denen da Konkurrenten aus dem Weg geräumt wurden, hatten nichts raffiniert Elegantes mehr an sich. Wie Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer, einer der Prätendenten auf den Parteivorsitz, ausgestochen wurde, war nur noch widerwärtig:
Auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung musste Deutschland lesen, dass die heimliche Geliebte des Familienvaters im vierten Monat schwanger sei. Es nimmt Wunder, dass Hackeln so tief überhaupt noch fliegen können.
Edmund Stoiber hätte sich einen anderen Abschied verdient. Er hat mehr als nur ein Scherflein dazu beigetragen, dass Bayern eine Spitzenposition in Deutschland einnimmt. In keinem anderen Bundesland ist die Wirtschaft dynamischer, nur bei den Schwaben ist die Arbeitslosigkeit geringer. Die Wähler haben es Stoiber vor ein paar Jahren noch gedankt. Zu einer sensationellen Zweidrittelmehrheit im Münchner Landtag hat er die CSU im Herbst 2003 geführt. Das wird ihm keiner so schnell nachmachen.
Und doch hat es sich Stoiber selbst zuzuschreiben, dass er nun so brutal vom Thron gestürzt wurde. Er hatte den Bogen überspannt, den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren. "Raumschiff Staatskanzlei" nannte man sein Ministerpräsidentenbüro. So abgehoben und abgeschottet hatte der 65-Jährige agiert. Der Wahltriumph 2003 war ihm zu Kopf gestiegen. "Der Freistaat bin ich", schien zuletzt sein Regierungsmotto in Abwandlung von Ludwig XIV. zu sein. Gleichzeitig wurde er fahrig, unentschlossen, seltsam und verstrickte sich in Fantasiegespinste.

Anfangs, nach seiner hauchdünnen Niederlage bei der Bundestagswahl 2002, glaubte er offenbar tatsächlich, ein zweites Mal gegen Gerhard Schröder antreten zu können. Wohl deshalb schlug er die Angebote aus, Bundespräsident oder EU-Kommissionspräsident zu werden. Spät erst akzeptierte er Angela Merkel als Spitzenkandidatin der Union. Und auch dann noch warf er ihr Prügel vor die Füße, wo er nur konnte. So richtig scharfe, unberechenbare Opposition gegen die CDU-Chefin betrieb stets die Münchner Schwesterpartei. Stoiber verwand es nicht, Zweiter zu sein. Er fühlte sich auserkoren, ganz vorne zu stehen. Deshalb war er sich schließlich vor einem Jahr auch zu gut, um unter Merkel den "Superminister" zu machen, obwohl er schon fix zugesagt und das Amt ganz auf sich zugeschnitten hatte.
Dass Stoiber, der zaudernde "Hamlet", vor einem Jahr aus Berlin zurück nach München flüchtete, war sein größter Fehler. Das haben ihm die Parteifreunde, die selbst etwas werden wollten, nie verziehen. Seither rebellierten sie, und Stoiber verkam immer mehr zur Witzfigur.
s-3;0Stoibers große Tragik war, dass er nicht wusste, wann der Zeitpunkt gekommen ist zu gehen. Deshalb zwang man ihn dazu. Bis 30. September darf er jetzt noch im Amt bleiben. Ein König ohne Autorität. Gab es vor ihm lahmere Enten? Das hat Edmund Stoiber seinen feinen Parteifreunden zu verdanken _ und vor allem sich selbst

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