WirtschaftsBlatt Kommentar vom 19. 01. 2007: Die Wirtschaft gibt Studenten gerne Nachhilfe - von Peter Muzik

Der Einwand, die Studenten werden ausgebeutet, ist dämlich

Wien (OTS) - Der Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien, Karl Ramharter, hat gestern mit einer überraschenden, aber gar nicht so miserablen Idee aufgewartet: Studenten, die sich ihre Studiengebühren zurückverdienen möchten, könnten beispielsweise in Unternehmen eingesetzt werden. Viele KMU wären geradezu glücklich, meinte der Repräsentant des Rings Freiheitlicher Wirtschaftstreibender, wenn sie z. B. die Unterstützung eines Studenten der Betriebswirtschaft bekämen. Und bei der im Moment diskutierten Stundengage von sechs Euro wäre diese Unterstützung wohl auch für Kleinbetriebe leistbar.

Es ist derzeit zwar noch nicht bekannt, ob dieser Vorschlag beispielsweise auch von Wiens Kammerpräsidentin Brigitte Jank getragen wird bzw. die Zustimmung der schwarzen und roten Kämmerer findet - der Vorstoss des freiheitlichen Vizepräsidenten ist aber auf jeden Fall diskussionswürdig. Obzwar das Argument, die Unternehmen würden auf diese Weise die armen Studenten ausbeuten, wie das Amen im Gebet kommen wird.

Ein solcher Einwand wäre allerdings - wer immer ihn äussern wird -ziemlich dämlich. Denn in Wahrheit wäre es für die Studierenden ein gewaltiger Vorteil, wenn sie frühzeitig in die Welt der Wirtschaft reinschnuppern und dabei einschlä-gige Erfahrungen sammeln könnten. Die derzeitige Ausbildung in den Schulen ist nämlich alles andere als praxisorientiert und lässt Einblicke in die betriebliche Realität einfach nicht zu. Genau deshalb sollten die Jungen eigentlich happy sein, dass sie bei diesem Modell nicht Nachhilfe geben müssten, sondern von der Wirtschaft eine Art Nachhilfe bekommen könnten.

Bleibt also zu hoffen, dass sich diese Betrachtungsweise auf universitärem Boden durchsetzt und es nicht auch noch zu Protestkundgebungen vor der Wirtschaftskammer am Wiener Stubenring kommt. Die studentischen Demonstrationen der vergangenen Tage waren jedenfalls - so wie auch die "Gusi muss weg"-Sprechchöre - durchaus entbehrlich, mit Sicherheit auch ziemlich überzogen. Mit den plakativen Schauspielen, die die Österreichische Hochschülerschaft auf den Strassen inszeniert, ist der Sache gewiss nicht gedient - und den Studierenden schon gar nicht.

Es geht letztlich nicht bloss - wie es den Anschein haben könnte - um Alfred Gusenbauers Gag, sich als Nachhilfelehrer zu profilieren, sondern es geht um ein besseres Bildungssystem und mehr Geld für die Hochschulen - und das liegt nicht auf der Strasse.

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