DER STANDARD-Kommentar "Auf der Suche nach der Realität" von Michael Völker

"Pröll ist eine Perspektive, Kdolsky eine andere, Molterer die Gegenwart der ÖVP" - Ausgabe 19.1.2007

Wien (OTS) - Andrea Kdolsky ist der ÖVP passiert. Diese lebenslustige, umtriebige und weltoffene Frau ist nicht Teil einer langfristigen, strategischen Planung, sondern ein unvorhergesehener Glücksfall für die Partei - mit dem sie sich nun auseinandersetzen muss. Ihre Aussagen zum Essen (ja, das tut sie gerne und nicht zu knapp oder sehr gesund), zum Rauchen (auch das tut sie und gesteht es auch anderen zu) und zu Kindern (nein, sie hat keine, wenn auch ungewollt, und sie findet sie gelegentlich nervig) - darüber kann man diskutieren, durchaus auch kontroversiell. Diese Frau mag polarisieren, aber sie spricht auch vielen Menschen aus dem Herzen. Und sie ist sympathisch, das darf man bei einem Politiker auch anmerken.

Bei der falschen Partei sei sie, konnte man in den letzten Tagen gelegentlich hören. Warum eigentlich? Weil die neue Ministerin unkonventionell ist? Weil sie lustig ist?

Hat die ÖVP tatsächlich bereits ein derart verzopftes Image, dass man ihr eine Andrea Kdolsky nicht zutraut?

Ja, das hat sie.

Frau Kdolsky ist aber keine Linke, sie hat ein absolut bürgerliches Weltbild. Dass sie liberale und moderne, nein: zeitgemäße Ansichten vertritt, muss nicht im Widerspruch zur Volkspartei stehen. Auch Kdolsky ist Teil der ÖVP, sie repräsentiert allerdings einen Flügel, der in den vergangenen Jahren stetig zurechtgestutzt wurde. Mit solchen Leuten pflegte man gerne Kontakt, man ließ sich gerne von ihnen wählen, man freute sich über ihre Mitgliedschaft. Aber man ließ sie in der Volkspartei nicht in höhere Positionen aufsteigen.

Jetzt ist die Kdolsky einmal passiert. Auch wenn ihre Bestellung eine Schnellentscheidung war und ihr Background von der Partei nicht ausführlich recherchiert wurde: Andrea Kdolsky steht für die Öffnung der ÖVP. Und diese personelle und inhaltliche Öffnung hat die Partei dringend notwendig. Es gibt zwar Leute wie Josef Pröll, die das moderne und aufgeklärte Bild der ÖVP repräsentieren, und es ist gut, dass Pröll die "Perspektivengruppe" leitet, aber er ist Parteikader, dicht eingewoben in die Struktur, gefangen in der Hierarchie, eingeengt möglicherweise durch eigene Karrierepläne. Immerhin: Pröll gilt als Zukunftshoffnung, und er fordert eine Öffnung der ÖVP, personell wie inhaltlich.

Das wird nicht leicht. Neuer Parteichef wird Wilhelm Molterer. Und zwischen Molterer und Wolfgang Schüssel, der den Kurs der ÖVP seit 1995 als Parteichef vorgegeben hat, passt ideologisch nicht das sprichwörtliche Blatt Papier. Die beiden verstehen sich blind. Sie sind die ÖVP von heute. Wer von Molterer einen Kurswechsel der ÖVP erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Vielleicht gelingt es Josef Pröll, die Jungen und Wilden in der Partei (die allerdings in Relation zum wirklichen Leben und seiner Gesellschaft recht brav und angepasst sind) zu sammeln und Druck von unten zu erzeugen, der wenigstens auf eine Verbreiterung der Partei hinausläuft - Prölls Gewichtsverlust in allen Ehren.

Dass die ÖVP wertbewusst und wertkonservativ ist, macht sie unverwechselbar und ist im Sinne einer Parteienlandschaft, die alle Gesellschaftsströmungen abbilden sollte, auch gut so. Dass die ÖVP aber auch kleinkrämerisch, kleingeistig, bieder bis spießig und zum Teil übertrieben frömmelnd ist, und dies auch noch der gesamten Gesellschaft aufdrücken will, wie dies in Ansätzen mit dem von ihr bestimmten Regierungsübereinkommen mit der SPÖ gelungen ist, das ist für andere ein echtes Ärgernis und für die Partei eine Einengung, die auch Wähler kosten wird - immer mehr.

Da tut eine Kdolsky gut, der Partei, ihren Anhängern und den anderen, die Politik konsumieren oder in ihren Lebenswelten von ihr betroffen sind. Eine fidele Gesundheitsministerin allein macht allerdings noch keine moderne Volkspartei. Da ist noch viel Bewegung notwendig - eine breite Bewusstseinsbildung und ein Anerkennen von gesellschaftlichen Realitäten, nicht deren Leugnung oder Bekämpfung.

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