"Kleine Zeitung" Kommentar: "Alfred Gusenbauer als Nachhilfelehrer der Nation" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 18.01.2007

Graz (OTS) - Jetzt, da sich die innenpolitischen Nebel lichten, zeigt sich: Die SPÖ hat nicht zuviel versprochen, als sie im Wahlkampf für die Bildung einen "großen Wurf" ankündigte. Alfred Gusenbauer ist als Kanzler keine Woche im Amt und schon sorgt er mit der Ankündigung, einmal wöchentlich in einer Schule gratis Nachhilfe zu geben, für eine tiefschürfende pädagogische Debatte.

Die bedeutende Frage, um die seit drei Tagen alles kreist, lautet:
Was können Kinder vom neuen Regierungschef lernen?

Verhandlungspsychologie? Ähm . . . lieber nicht! Mitarbeitermotivation? Tja, auch dieses Fach zählt nicht gerade zu "Gusis" Königsdisziplinen, wie der Veitstanz des steirischen Landeshauptmanns Franz Voves dem Fernsehpublikum eindrucksvoll vor Augen führte.

Wertvolle Tipps könnte der Kanzler gewiss in Turnen geben: "Wie falle ich im Liegen um" und "Rolle rückwärts".

Mit Garantie von ihm lernen können die Schüler aber vor allem eins:
dass Politikern offenbar nichts zu peinlich ist, um sich selber zu inszenieren.

Selbst für den Fall, dass er sein Versprechen tatsächlich einlösen will - glaubt er denn, als Kanzler wirklich über so viel Zeit zu verfügen, wie er sie augenscheinlich als Oppositionschef hatte? Ganz abgesehen davon, dass die Studierenden sich jetzt erst recht von ihm gefrotzelt vorkommen müssen, da sich an den Studiengebühren ja kein Jota ändert.

"Man glaubt gar nicht, wie schwer es oft ist, eine Tat in einen Gedanken umzusetzen"; spottete einst Karl Kraus. Es scheint, als habe er mit diesem Bonmot die Kritik am plakativen Aktionismus vorweggenommen, der heute immer öfter als Politikersatz dient. Nicht der Inhalt, die Verpackung zählt.

Beispiele dafür gibt es zuhauf: Jörg Haiders legendärer Sprung am Bungee-Seil von der Jauntalbrücke, Viktor Klima mit Gummistiefeln und Plastikeimer im Hochwasser, die verblichene schwarz-blau-orange Bundesregierung auf Gruppentherapie im Tierpark und als fröhliche Sparefrohs am Weltspartag in der Bawag-Zentrale, Karl-Heinz Grasser als James-Bond-Verschnitt am Cover einer Hochglanz-Illustrierten . . .

Der Verfall des Politischen, der aus Bildern wie diesen spricht, ist eklatant. Politik wird nicht länger als beharrliches Bohren harter Bretter (Max Weber) begriffen, sondern als Show. Ob das auf Dauer als positive Identifikationsfläche für die ohnedies politikfrustrierten Bürger reichen wird, ist zweifelhaft.

Dabei wäre alles so simpel: Gusenbauer müsste nicht als Nachhilfelehrer der Nation dilettieren, er bräuchte nur zu regieren. Wann, wenn nicht jetzt? ****

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