Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Si tacuisses

Wien (OTS) - Fast jeder neue Minister hat das gleiche Bedürfnis:
Er will viel von dem, was er früher gesagt oder getan hat, am liebsten wieder ausradieren. Aber heutzutage gerät nichts mehr in gnädiges Vergessen. Im Zeitalter von Google und anderen Datenbanken ist vielmehr jeder auf Knopfdruck ein gläserner Mensch. Jedoch:
Politik und Glas, wie leicht bricht das. Da muss eine schwedische Ministerin zurücktreten, weil sie ihre Fernsehgebühr nicht bezahlt hat; dort eine amerikanische, weil sie eine illegale Ausländerin als Putzfrau beschäftigt hat.

Und zwei österreichische Jungministerinnen würden am liebsten etliche ihrer früheren Äußerungen ungeschehen machen - obwohl sie zweifellos ehrlich gemeint waren. Die eine ist die neue Bildungsministerin Claudia Schmied. Sie hat noch vor kurzem (Warnung an Erich Haider, den berühmten oberösterreichischen Wirtschaftsexperten: vor dem Lesen des Folgenden dreimal bekreuzigen) Privatisierungen und eine Rücknahme des Staates als manchmal "vorteilhaft" bezeichnet - und sogar eine Teilprivatisierung der ÖBB angesprochen. Ob das nicht ein Ausschlussgrund aus der SPÖ ist? Oder erklärt das etwa, warum sie jetzt nicht für die ÖBB, sondern für die Schulen zuständig ist, mit denen sie sich bisher so gut wie gar nicht befasst hat?

Noch mehr ärgert sich zweifellos Andrea Kdolsky über ihr verbales Vorleben. Die Ärzte werden ihr ja noch die Sympathien für Rauchen und Schweinsbraten nachsehen - solange die Kollegin standhaft die Ärzte-Interessen verteidigt. Viel größere Probleme hat sie sich mit einem Großteil der ÖVP-Wähler eingehandelt. Denn denen verrät sie in einem nun aufgetauchten Buch, was konkret das "moderne" Familienbild ist, das sie in den ersten Interviews propagiert hat: Kinder würden "in unangenehmer Weise" ins Frauenleben intervenieren und "einiges vermiesen", wie etwa einen Flug nach New York oder den Abend in einem Nobellokal.

Den Familien mit ihrem miesen Leben sei hiemit viel Freude mit einer solchen "modernen" Familienpolitik gewünscht.

Und allen, die vielleicht einmal Politiker werden wollen, der gute Rat: Schreiben Sie nie nieder, was Sie sich denken! Und üben sie stets jenen aalglatt-nichtssagenden Politikerstil, den etwa ein Heinz Fischer so perfekt beherrscht.

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