"Presse"-Kommentar: VP-Familienpolitik, brachial neu (von Martina Salomon)

Ausgabe vom 18. Jänner 2007

Wien (OTS) - Kinderlose nicht diskriminieren, sagt die neue
schwarze Ministerin Kdolsky. Gut. Aber was ist mit der Familie? Eigentlich fehlt jetzt nur noch, dass sie die Ärzte als geldgierig hinstellt. Die neue Gesundheits- und Familienministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) ist eine sympathische Frau und für eine Politikerin erfrischend offen. Aber sie hat bisher noch keinen Fettnapf ausgelassen.
Natürlich ist es völlig legitim, als Privatperson in einem Propagandabuch für Kinderlosigkeit über das eigene Leben zu plaudern und freimütig zuzugeben, dass einem Kinder gelegentlich auf die Nerven gehen. Aber als Familienministerin ist das leider ein unmöglicher Standpunkt, der überdies die ÖVP in Bedrängnis bringt. Denn die größere Offenheit in Familienfragen, die der für die Parteireform zuständige Minister Josef Pröll (richtigerweise) propagiert, kann ja nicht eine völlige Umkehr der bisherigen Politik bedeuten.
Schon logisch, dass Paare ohne Kinder nicht diskriminiert werden sollen (wie Kdolsky nun ihren Standpunkt verteidigt). Nur: Wer diskriminiert denn eigentlich Kinderlose? Ist es nicht genau umgekehrt - gesellschaftlich und finanziell?
Wer Karriere machen will - und das betrifft in besonderem Maße die Frauen -, verzichtet besser auf Nachwuchs. sKdolsky ist ein Paradebeispiel dafür: flexibel im Job, Mehrfachfunktionen, jetzt Ministerin. Natürlich kinderlos (wenn auch unfreiwillig). s-12;0Von den acht Frauen in der Regierung hat nur die Hälfte Kinder und eine einzige mehr als eines (Christa Kranzl ist Mutter zweier Söhne). sDie männlichen Regierungsmitglieder haben weit mehr Kinder.
Erstmals sitzen 40 Prozent Frauen in der Regierung. Das ist höchst erfreulich und deutlich fortschrittlicher, als sich die Wirtschafts-oder Wissenschaftselite dieses Landes präsentiert. Zumindest in der Politik zögern Frauen nicht mehr, ja zu sagen, wenn sie gefragt werden. Sowohl Kdolsky als auch die neue Bildungsministerin Claudia Schmied - obwohl beide mehr oder weniger Quereinsteigerinnen - waren nicht von den typisch weiblichen Selbstzweifeln geplagt. Sie haben sofort zugesagt, erzählen beide unisono.
Aufzeigen und "hier" schreien: Das galt bisher eher als männliche Eigenschaft. Jedenfalls ist es die wichtigste Voraussetzung für den Karrieresprung. Auch wenn Zukunftsforscher gern von den "social skills" reden, die das 21. zum "Jahrhundert der Frau" machen: Wahr ist, dass Ellbogen noch immer die besseren Karrierehelfer sind - und Kinder eher ein Hindernis. Erfahrung in Sachen "Haushaltsmanagement" ist theoretisch gut, praktisch hat das aber noch kein Personalchef bei einer Stellenbesetzung je als Vorteil gesehen.
Was den Frauen hilft: zum Beispiel, dass es mittlerweile als "altmodisch" gilt, wenn Diskussionsrunden rein männlich besetzt sind. Ein ausschließlich männlicher Firmenvorstand macht sich auch nicht mehr ganz so gut. In der Politik versucht man, Vorbild zu sein, und setzt teilweise auf Frauenquoten - auch in dieser Regierung. Johanna Dohnal wurde für diese Forderung seinerzeit viel kritisiert. Tatsächlich ist es eine brachiale Methode - aber ohne sie hätten Frauen noch viel langsamer aufgeholt, obwohl sie im Durchschnitt mittlerweile besser ausgebildet sind als ihre männlichen Mitbewerber. Denn die "Old boys"-Netzwerke, wie sie der damalige Wissenschaftsminister Caspar Einem vor Jahren bezeichnete, sind ganz schön undurchdringlich. Die Frauen haben mit eigenen Netzwerken gekontert - und unterstützen einander wechselseitig, statt sich wie in der Vergangenheit im "Zickenkrieg" zu behindern. Ex-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer beispielsweise, das muss man ihr zugute halten, hat Frauen gefördert und viele Spitzenjobs weiblich besetzt.
Zwar wird Karriere-Unterstützung für Frauen noch eine Zeitlang auf der politischen Agenda bleiben. Aber mindestens so wichtig ist die Frage, wie es gelingen kann, gute Ausbildung und beruflichen Fleiß nicht zum Ausschließungsgrund für Nachwuchs zu machen. Als Familienministerin muss Kdolsky daher ihre Prioritäten anders setzen. So wie sie als Gesundheitsministerin den von ihrer Vorgängerin eingeschlagenen Weg in Richtung Rauchfreiheit an öffentlichen Plätzen und gesünderer Ernährung nicht umkehren sollte, ist es auch ihre Aufgabe, darauf zu achten, dass Eltern gegenüber Kinderlosen nicht diskriminiert werden, dass Jobs nicht familienfeindlich sind und öffentliche Kinderbetreuung zur Verfügung steht. Als ärztliche Standesvertreterin zeigte Kdolsky, dass sie Power, Überzeugungskraft und Humor hat. Jetzt muss sie nur noch erkennen, für welche Themen sie neuerdings zuständig ist.

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