"KURIER"-Kommentar: von Andreas Schwarz zu Kdolsky´s Aussagen

Andrea Kdolsky wird an anderem zu messen sein als an alten Buchbeiträgen.

Wien (OTS) - Aufregung kann, wenn sie künstlich ist, sehr aufregend sein. In den ersten Tagen der neuen Regierung wird das am Beispiel Andrea Kdolsky deutlich.

Da wird von zwei seriösen Zeitungskommentatoren allen Ernstes erörtert, ob die neue Gesundheitsministerin mit ihren "etwas zu vielen Kilos" a) Schweinsbraten mögen und ihn b) auch noch weiterempfehlen darf.

Weniger seriöse Blätter stürzen sich schreierisch auf eine frühere Aussage der Ministerin, die sie allerdings so nicht getätigt hat:
"Kinder nerven."

Andrea Kdolsky hat in einem Buchbeitrag die politische Idealisierung der Elternschaft beklagt und gegen die Diskriminierung derer angeschrieben, die vielleicht keine Kinder haben können/wollen und die sich durch schreiende Kinder fallweise gestört fühlen.

Ja und? Ist es wirklich der moralischen Weisheit letzter Schluss, Menschen (das können auch Eltern sein), die sich durch unerzogene Kinder im Lokal gestört fühlen, als kinderfeindlich zu diskriminieren, statt zu fragen, ob nicht auch die Erziehung zu einem wohlgestalteten Miteinander beitragen kann? Darf man sich auch durch Schreien gestört fühlen, ohne Kinderhasser zu sein?

Und ist nur, wer Kinder zeugt, ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft, unbeschadet persönlicher Erfahrungen von verlorenen Kindern bis prekären Lebensumständen?

Kdolskys Ausführungen waren politisch vielleicht nicht geschickt (dass keine Kinder bei einer Trennung bequemer sind, ist tatsächlich ein eher fragwürdiges Argument), aber ehrlich. Und nach der bisherigen Enge des ÖVP-Familienbildes erfrischend.

Es stimmt: Die Gesellschaft braucht Nachwuchs, schon um ihres Erhalts willen. Aber mit einer "Kinder statt Partys"-Doktrin à la Gehrer, mit dem moralisierenden Familien-Zeigefinger und nur finanziellen Gebär-Anreizen wird das nicht zu erreichen sein.

Was man braucht, um den niedrigen statistischen Wert in Österreich (1,4 Kinder pro Frau) zu erhöhen, ist der radikale Ausbau kinderfreundlicher Lebensumstände.

Kinderbetreuungs-Möglichkeiten vom frühen Alter an, die den Spagat zwischen Kind und Karriere bewältigbar machen, Wiedereinstiegserleichterungen in den Beruf: Das sind die Aufgaben der Politik, die, wenn sie wie in Frankreich erfüllt werden, die Kinderzahl deutlich erhöhen.

An der Umsetzung dieser Aufgaben auch bei ihren Regierungskollegen ist eine Familienministerin zu messen. Sieben eigene Kinder wie Ursula von der Leyen in Deutschland oder keines wie Andrea Kdolsky in Österreich machen noch keine gute oder schlechte Familienministerin aus.

Wenn schon Aufregung über fragwürdige Bestellungen, dann über einen Verteidigungsminister, mit dem die Herren Generäle Schlitten fahren werden; oder über Staatssekretäre, die beim Amtsantritt noch nicht wussten, wofür sie zuständig sein (und bezahlt werden) sollen; über eine Frauenministerin, deren einzige Qualifikation vielleicht die ist, Frau zu sein; oder über einen Bundeskanzler, der Zeit genug für Nachhilfe-Gags hat.

Künstliche Aufregung aber sollte man lassen.

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