"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Aufbruch? Weg!" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 17. Jänner 2007

Innsbruck (OTS) - Leidenschaftlich war sie nicht, die Regierungserklärung von Alfred Gusenbauer. Kein Feuer, keine Aufbruchstimmung. Der kalte Gegenwind, der ihm parteiintern seit Tagen ins Gesicht bläst, hinterlässt naturgemäß Spuren. Doch auch die Konstellation des Wahlergebnisses vom 1. Oktober führte dazu, dass nun zwei Parteien miteinander müssen, die nicht miteinander wollen. Alles andere als eine Voraussetzung für einen visionären Entwurf. So ist auch der Versuch des neuen Kanzlers, der umstrittenen Neuregelung bei den Studiengebühren mit seinem Anbot als Nachhilfelehrer Wind aus den Segeln zu nehmen, bestenfalls ein aktionistischer. Was jedoch bleibt - darüber gaben auch in der Debatte die beiden neuen Klubobleute Wolfgang Schüssel und Josef Cap reichlich Auskunft -, ist die spürbare Antipathie zwischen den handelnden Akteuren in der großen Koalition. Da werden es die neuen ambitionierten Regierungsmitglieder schwer haben, sich von diesem Geist nicht anstecken zu lassen.

Über Dauer und Erfolg dieser Koalition an ihrem Beginn zu spekulieren, wäre kühn. Der Start jedenfalls war kein verheißungsvoller. Da vergisst man gar, dass eine an Chaos und Pannen reichhaltige Regierung eben jetzt nicht mehr im Amt ist - weil sie auf eindrucksvolle Weise abgewählt wurde.

Gusenbauer ist ein Pragmatiker. Als er die Partei nach dem Machtverlust übernahm, war er bloß eine Notlösung. Er hat in seiner Zeit als Oppositionsführer bewiesen, dass er von einer ausdauernden Konstitution ist. Sein Glück war bislang, dass er immerzu unterschätzt wurde. Er, der über Jahre allen Unkenrufen zum Trotz doch Kanzler geworden ist, erinnerte sich vielleicht angesichts seiner Regierungserklärung an sein von Antonio Machado entlehntes Lebensmotto: "Wanderer - es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht, indem man ihn beschreitet." Als Kanzler muss Gusenbauer erst noch seinen Weg finden.

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