Einfach ehrlich, einfach Alfred!

Gusenbauer legte die Latte so tief, dass die Koalition mühelos drüber sollte.

Wien (OTS) - VON ANNELIESE ROHRER

Von Inhalt und Inszenierung her ist dem Antritt der rot-schwarzen Regierung gestern, Dienstag, sicherlich das Gütesiegel "Ehrlichkeit" zu verleihen. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer versuchte erst gar nicht, seiner etwas lustlosen Erklärung irgend einen persönlichen Stempel aufzudrücken, ihr auch nur ansatzweise literarische oder rhetorische Qualität zu geben. Er ersparte sich jede Mühe, Euphorie, Freude oder gar Hoffnung auf einen Neustart zu wecken.

Ehrlicherweise blieb er hart am vorgeschriebenen Text und bei den bekannten Überschriften. Vom Zusammenhalt in der Gesellschaft war da die Rede, von der "Förderung der Menschen" und der Neutralität auch. Wo er konkret wurde, schlich sich oft ein unfreiwilliger Humor ein: Verbesserung der Fahrschulausbildung, Lawinenverbauung, Sport im Kindergarten.

Das war auch bei jenem einzigen Punkt der Fall, bei dem Gusenbauer vom Manuskript abwich. Er legte das Versprechen ab, ein Mal pro Woche in einer Schule Nachhilfeunterricht zu geben, sobald das Sozialhilfe-Modell bei den Studiengebühren ausgearbeitet sei.

Sollte er als Regierungschef aus zeitlichen Gründen dieses Versprechen nicht einhalten, wird man ihm wieder konkret Wortbruch vorwerfen können. Das kennt er ja!

Ersetzt man Ehrlichkeit durch Wahrhaftigkeit, dann war der Auftritt der Großen Koalition gestern einer der redlichsten der letzten Jahrzehnte. Denn der Partner ÖVP blieb sich selbst noch auffälliger treu als der Chef der SPÖ. In den Reihen der Ex-Kanzler-Partei wurde nicht einmal der Versuch unternommen, durch ein Mindestmaß an Höflichkeit die Lustlosigkeit, ja den Widerwillen gegen die neue Konstellation zu kaschieren.

Für alle sichtbar schlossen sich immer wieder nur einige der VP-Abgeordneten dem Beifall während der Rede Gusenbauers an. Nie brandete demonstrativ geschlossener Applaus für seine Ausführungen auf. Oft wurde nur gelangweilt Zustimmung signalisiert.

Um der Arbeit in der neuen Regierung willen kann man nur hoffen, dass dies alles zufällig, unabgesprochen und ohne Anordnung des neuen Klubchefs Wolfgang Schüssel geschah.

Die Distanz zu den Vorgängen auf der Regierungsbank war deutlich erkennbar. Und irgendwie unangenehm, weil sie Erinnerung ans VP-Verhalten nach dem 1. Oktober weckte und den Keim künftiger Reibereien offenbarte. Auch wieder ehrlich - irgendwie!

Seit gestern liegt die Latte für diese Regierung also so tief, dass man eigentlich nur angenehm überrascht werden kann. Die Erwartungen scheinen gering, Enttäuschungen daher unwahrscheinlich. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, das Klima in der Regierung so zu ändern, dass es sich irgendwann positiv auf jenes zwischen den Fraktionen im Parlament auswirkt.

Geschieht dies nicht, wird sich die Regierung kaum jenes Siegel verleihen dürfen, das Gusenbauer als eine der wenigen konkreten Maßnahmen für Unternehmen angekündigt hat: "Meisterbetrieb".

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001