Neue Gesundheitsakte: Ärzte warnen vor "gläsernem Patienten"

Brettenthaler: "Rechtfertigungsdruck der Patienten steigt" - Ärzte beste Garanten für umfassenden Schutz von Patientendaten

Wien (OTS) - Mit der neuen elektronischen Gesundheitsakte ELGA beschreite das Ministerium weiter den "Weg zum gläsernen Patienten", kritisiert die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) Dienstag in einer Aussendung. Laut ÖÄK-Präsident Reiner Brettenthaler gehe der vorliegende Plan für die Gesundheitsakte "unnotwendig weit" -insbesondere, was den Schutz und die Vertraulichkeit medizinischer Daten und Befunde betreffe. Wie in allen Bereichen der EDV-Anwendung könnten die Möglichkeiten der elektronischen Vernetzung dazu führen, dass bisher vertrauliche Patientendaten einer breiteren Anwenderschar zugängig gemacht würden. "Allein schon diese Möglichkeit wird dazu führen, dass Patienten wichtige Arztbesuche aus Angst vor Datenmissbrauch zurückstellen, aufschieben oder gar nicht machen", warnte Brettenthaler in einer Aussendung am Dienstag mit Verweis auf entsprechende Daten aus den USA .

Durch die Möglichkeit des raschen Erhalts individueller Gesundheitsdokumentationen wachse außerdem der Rechtfertigungsdruck der Patienten, sich gegenüber Arbeitgebern, Zusatz- und Lebensversicherungen über den Gesundheitsstatus auszuweisen, berichtete Brettenthaler. Datenmengen und Datenströme würden sich durch neue Anwendungen wie E-Rezept, E-Überweisung "verzigfachen", was das System anfälliger für Missbrauch mache. "Daher muss man die Speicherung und Verwaltung der Daten jedenfalls dezentral bei den Ärzten belassen. Sie sind der beste Garant für Vertraulichkeit und verantwortungsvollen Datenschutz, wie sie in der Vergangenheit bewiesen haben", so Brettenthaler. Seitens der ÖÄK denkt man an ein System ähnlich jenem der Notare, die bereits seit einigen Jahren die sensiblen Daten ihrer Klienten gut geschützt vor unberechtigten Zugriffen elektronisch aufbewahren.

Die Gesundheitspolitik warnte Brettenthaler vor einem weiteren Abbau von Diagnose- und Therapiefreiheit durch die zunehmende Elektronisierung. "Der freie Arztberuf unterliegt schon jetzt immer mehr Einschränkungen. Wir brauchen deshalb keinen bürokratischen Big Brother namens ELGA im System, sondern weniger Kontrolle und weniger Bürokratie. Sonst verlieren unsere Patienten das Vertrauen in das System", so Brettenthaler.

Mit der neuen elektronischen Patientenakte sollen künftig alle Befunde der Patientinnen und Patienten elektronisch abrufbar gemacht werden. Zu dem Zweck sollen die Gesundheitsdaten der einzelnen Gesundheitsdiensteanbieter elektronisch verfügbar gemacht werden. Dabei geht es unter anderem um Medikationsdaten, Labor- und Radiologiebefunde sowie Arzt- bzw. Patientenbriefe. In den USA verzichtet bereits jeder sechste Bürger auf medizinisch notwendige Tests aus Angst vor löchrigem Datenschutz.

Brettenthaler fordert vor weiteren Verwirklichung des Projektes eine Grundsatzdiskussion auch mit Patientenvertretern, Ärzten, Datenschützern und Ökonomen. Es müsse Ziel sein, den ökonomisch-medizinischen Nutzen des geplanten Systems zu analysieren. Denn Einzelinteressen von großen EDV- und Softwareanbietern sollten nicht ein Projekt initiieren, das zuletzt niemanden mehr als den genannten Gruppen selbst diene.

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