"Kleine Zeitung" Kommentar: "Transparente aufrollen und dann die Ärmel aufkrempeln" (von Norbert Swoboda)

Ausgabe vom 15.1.2007

Graz (OTS) - Dass sich just die Studiengebühren zu einer Fahnenfrage im Koalitionspoker entwickeln würden, daran haben wohl selbst die größten studentischen Optimisten nicht gedacht. Verständlich, dass sie jetzt begeistert ihre Transparente entrollen und Wahlversprechen einfordern.

Doch wenn die Transparente wieder aufgerollt sind, warten auf den neuen Wissenschaftsminister Johannes Hahn andere Herausforderungen. Nach Jahren der Strukturreform muss jetzt mehr in die Substanz der Hochschulen - anstatt in neue Türschilder für Medizin-Unis -investiert werden.

Da gibt es viele Defizite - finanziell und personell. Gar nicht daran zu denken ist, dass den Unis 145 Millionen Euro an Studiengebühren ersatzlos gestrichen werden.

Ganz im Gegenteil: Will Österreich wirklich von "ferner liefen" in Richtung Weltspitze gelangen, wird Minister Johannes Hahn mehr tun müssen, als die neue Elite-Uni zu eröffnen.

Mit dem, was im Koalitionspakt steht, ist wenig zu erreichen. Aus vollmundigen Bekenntnissen beider Parteien zur Bildung wurden vorerst nur Expertengruppen, frei nach dem Motto: Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis.

Man muss nicht lang philosophieren, um grundsätzliche Defizite zu entdecken. Österreich hat seine Unis als zu verwaltende Apparate empfunden, die sich wie wundersam jedes Jahr aufs Neue mit Studenten füllen. Von schlüssigen Strategien ist man weit entfernt.

Dies führt zu Ad-hoc-Lösungen und Feuerwehraktionen (siehe Zugangsbeschränkungen, Vorziehprofessuren, teure "Evaluierungsansätze").

Die beste Strategie hilft ohne Mittel wenig. Fakt ist, dass Österreich die Ärmel aufkrempeln muss, will es den Anschluss behalten. Leichter gesagt als getan. Selbst Polit-Schwergewicht Elisabeth Gehrer stieß rasch an ihre Grenzen.

Der neue Minister wird jene beim Wort nehmen müssen, die immer für die Aufwertung der Bildung eintreten. Bei Finanzminister Wilhelm Molterer fängt er am besten an.

Zu Martin Bartenstein als Arbeits- und Wirtschaftsminister kann er gleich danach laufen. Wo, wenn nicht am Arbeitsplatz, ist gute Ausbildung gefragt? Es muss auch der Industrie noch stärker bewusst werden, dass sie eine echte Mitverantwortung trägt.

Am schwierigsten nach dem Debakel mit der Sozialdienst-Idee als Ersatz für Studiengebühren wird es aber sein, die Bevölkerung inklusive Studenten zu überzeugen: Bildung ist kein billiges Geschenk, sondern eine Investition in die eigene Zukunft.****

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