"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das gebrochene Wort" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 14.01.2007

Graz (OTS) - So hat sich die Sozialdemokratie die Erlösung von den Übeln der Wendejahre wohl nicht ausgemalt. Dass die Rückeroberung der Macht von genau jenen schrillen und verderblichen Versatzstücken alternativer Protestkultur begleitet sein würde wie seinerzeit die Angelobung der verfemten schwarz-blauen Koalition, mutet wie eine listige Volte der Geschichte an.

Für Alfred Gusenbauer, den neuen Kanzler, hat der Schatten, der über seiner Amtseinführung liegt, zudem eine bizarre biografische Implikation. Die Mäander des Lebensflusses: Der einstige Chef der Jungsozialisten sieht sich am Gipfel des Erfolgs vom eigenen Herkunftsmilieu bedrängt. Kühl muss er abkanzeln, was er selbst einmal war.

Dieser Bruch mit einem Stück eigener Identität hat Symbolcharakter für die Gesamtpartei. Sie kommt mit dem hohen Preis der Macht nicht klar und nicht mit der Art und Weise, wie der Obmann den Preis bemaß und verbarg.

Alfred Gusenbauer wird lange brauchen, die Wogen zu glätten. Längst beschränkt sich der Verdruss nicht nur auf ein paar geschichtslose Heißsporne, die nicht wissen, woher das Wort Widerstand kommt. Das Gefühl enttäuschter Hoffnungen gräbt sich tief hinein ins Innere der Partei. Der Kanzler sieht sich rüde opponierenden Landeschefs gegenüber, die das Selbstbewusstsein wiederentdeckt und Kritik am Pakt übt, und einer verstörten Basis, die das Ausmaß der Zugeständnisse nicht hinnehmen mag. Alfred Gusenbauer wird viel erklären müssen, startklar ist er nicht.

Natürlich ist die SPÖ nicht die erste Partei, die mit Blanko-Versprechen die Stimmbürger verführt und diese mit gebrochenen Gelöbnissen dann regiert. Nur ist die Diskrepanz zwischen Verheißung und Bruch diesmal besonders provozierend. Zum einem, weil die Zeitspanne zu kurz war, um auf das Vergessen der Geblendeten zu hoffen. Zum anderen, weil die Versprechen im Fall der Studiengebühren und der Eurofighter überhöht wurden. Jetzt hat man die Fahnen eingezogen, und die frivole Selbstverständlichkeit, mit der das geschah, empört die Getäuschten. "Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt gewählt habe", sagte eine Demonstrantin verbittert.

Österreich wird mit den Studiengebühren und mit den Eurofightern leben und zu Rande kommen.

Das eine kann man behutsam argumentieren, das andere als Gegebenheit freudlos zur Kenntnis nehmen. Das ramponierte Vertrauen in die Politik aber wird das Land mehr kosten. Die Folgen werden beide Parteien spüren und einer dritten sehr bald zu alter Stärke verhelfen. ****

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