"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Kraft der Niederlage und der lange Atem Gusenbauers" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 13.01.2007

Graz (OTS) - Die Sphagistik ist eine weithin unbekannte Wissenschaft. Erfunden hat sie der bayerische Schriftsteller Carl Amery. In seinem Roman "Die Krypta" entwickelt die Hauptfigur diesen neuen Wissenszweig. Der kauzige Korbinian Irlböck untersucht, wie historische Niederlagen (griechisch Sphage) sich in Siege wandeln können.

Alfred Gusenbauer ist Sphagistiker, auch wenn er es nicht weiß. Instinktiv hat er alles richtig gemacht. Er hat dem Gegner den Sieg in den Verhandlungen gelassen und sich mit Brosamen begnügt. Pyrrhus hat man ihn dafür genannt und ihm unterstellt, seiner Kanzlerschaft alle übrigen Interessen zu opfern. Gusenbauer trug es in bester Laune und mit gutem Grund: In seiner scheinbaren Niederlage liegt der Keim späteren Erfolgs. Über den Tag hinausgedacht hat der Sozialdemokrat alle Trümpfe in der Hand.

Natürlich stimmen die Einwände seiner Kritiker: Die schwergewichtigen, prestigeträchtigen Ressorts sind bei der ÖVP. Aber was hat sie davon? Außenpolitik macht der Kanzler selbst, wenn er will. Der Innenminister muss sich mit dem unbequemsten aller Themen herumschlagen - Zuwanderung und Integration. In diesem Fach kann man es niemandem recht machen. Und der Finanzminister hat die undankbare Aufgabe, zu all dem, was die SPÖ-Minister an menschenfreundlichen Ideen entwickeln werden, Nein zu sagen.

In Ansätzen hat Gusenbauers Mannschaft schon gezeigt, wohin der Weg geht. Sozialminister Erwin Buchinger kündigte an, die Grundsicherung werde gegen 2009 Gesetz sein. Da trifft es sich gut, dass ein Jahr darauf Wahlen anstehen.

Auch die Justizministerin hat anklingen lassen, was sie tun will. Selbst wenn die ÖVP nicht mitzieht, wird sie versuchen, deren Familienpolitik zu konterkarieren. Maria Berger wird jedenfalls den Eindruck vermitteln, eine treibende Kraft der Modernisierung zu sein. Auch das Innovationsministerium eignet sich dafür hervorragend. Am schönsten aber ist das Frauenministerium. Es muss nichts vorweisen und verleiht am Ende dem, der es hat, ein Image von Fortschrittlichkeit.

Auch der zweite Einwand stimmt und ist sphagistisch betrachtet doch falsch. Gusenbauer hat seine zugkräftigsten Versprechen gebrochen. Die Studiengebühren bleiben, die Abfangjäger wohl auch. Wer aber wird sich daran in vier Jahren noch stoßen? Wenn doch, ist die Schuld rasch der ÖVP zugeschoben.

Die Plakate des Kreisky-Fans im Jahr 2010 kann man sich schon ausmalen: "Lasst Gusenbauer und sein Team arbeiten".****

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