Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Silent Mail from Israel

Wien (OTS) - Stille Post ist ein beliebtes Spiel. Aus einem Wort, das flüsternd reihum weitergegeben wird, kommt beim letzten Empfänger ein Kauderwelsch oder gar das Gegenteil des ursprünglich Gesagten heraus.

Genau das ist nun rund um die "Reform" der Studiengebühren passiert. Bei den Studenten angekommen ist ein Vorschlag nach alter Gutsherren-Art: Die Reichen können sich von der Fron (oder dem Militärdienst) freikaufen, die Armen müssen unter miesen Bedingungen zwangs-roboten.

Am Anfang stand aber etwas ganz anderes. Nämlich ein faszinierendes israelisches Modell, das ich selbst dort vor Jahren beobachten konnte, das offensichtlich auch Alfred Gusenbauer kennen gelernt und schon im Herbst begeistert österreichischen Rektoren präsentiert hatte: Ältere Studenten stehen jeweils jüngeren oder Schülern aus Unterschichtfamilien als Mentoren zur Seite; diese Rolle eines älteren Bruders, einer älteren Freundin hat vielen Problemkindern geholfen, aus den Hormonstürmen der Postpubertät heraus auf einen positiven Lebensweg zu kommen. Und alle diese Mentoren berichteten, dass sie auch selbst dabei viel gelernt, viel an Reife gewonnen haben.

Eine faszinierende Idee, die freilich nicht mit dem Reizthema Studiengebühren vermischt werden sollte. Sie dürfte aber ohnedies schon gestorben sein. Mögliche Todesursachen: das "Stille-Post-Syndrom", "eine katastrophal missglückte Kommunikationsstrategie" oder "Asozialer Egoismus"?

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Apropos: Jene Regierungen, gegen die von jungen Linken demonstriert wurde, waren oft die schlechtesten nicht. Bruno Kreisky musste sich immer wieder mit solchen Protesten plagen; und Wolfgang Schüssel wurde besonders aggressiv bekämpft. Beide Bundeskanzler waren für Österreich jedoch wichtiger als die meisten anderen.

Jede junge Generation muss offenbar einmal die Macht erproben, die man zu haben glaubt, wenn man mit einigen Gleichgesinnten die Straße blockiert und dort Sprechchöre absondert. Bisher unbeachtete Jugendliche kommen plötzlich ins Fernsehen und auf die Titelseiten. Das gibt schon was.

Schlimm und undemokratisch wäre es nur, wenn die Lautstärke kleiner Gruppen auch den Gesetzgeber über acht Millionen beeinflussen könnte.

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