"Die Presse": Leitartikel: Verdammt, das Scheitern im Irak zu verwalten (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 12.1.2007

Wien (OTS) - "Zu spät, zu wenig", wirft man Bush nach der Truppenverstärkung im Irak vor. Hat jemand eine bessere Idee? George W. Bush hat Kommissionen tagen lassen, den aufmerksamen Zuhörer gemimt - und dann erst recht anders entschieden: So, wie er es für richtig hält. In einem letzten Versuch, den Irak zu befrieden, wirft der US-Präsident nun also weitere 21.500 Soldaten in die Schlacht. Etwas in diese Richtung hat außer Senator McCain und Neokonservativen wie dem Militäranalytiker Frederick Kagan eigentlich niemand vorgeschlagen.
"Zu spät, zu wenig", höhnt es dem US-Oberbefehlshaber deshalb nun von allen Seiten entgegen, auch von republikanischer. Tatsächlich hatten US-Generäle vor der Invasion 2003 darauf gedrängt, mehr Truppen in den Irak zu entsenden, um nicht nur den Blitzkrieg zu gewinnen, sondern auch den Frieden. Doch der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld pochte auf einer schlanken Armada, um seine neuen militärstrategischen Ideen am irakischen Patienten auszutesten. Die Generäle sollten Recht behalten, nicht die US-Administration. Diesmal haben sie keinen Bedarf für eine Aufstockung des Kontingents angemeldet, doch Bush schickt trotzdem mehr GIs ins Kampfgebiet.
Um einen Aufstand erfolgreich bekämpfen zu können, so hebt auch der konservative Star-Kolumnist Max Boot hervor, müssten auf 40 bis 50 Zivilisten mindestens ein Polizist oder Soldat kommen. Von diesem Verhältnis ist die US-Armee in der Millionenstadt Bagdad auch nach ihrer Vergrößerung noch weit entfernt. Militärexperten meinen, es hätte 100.000 neuer Soldaten bedurft, um einen Unterschied zu machen. Doch so groß sind die angespannten Ressourcen der größten Streitmacht der Welt vermutlich gar nicht mehr. Abgesehen davon hätte Bush gar nicht mehr das politische Kapital für eine Truppenbewegung in dieser Dimension.
Schön und gut. Aber was wäre die Alternative zu Bushs Strategie gewesen? In Wirklichkeit hat keiner eine bessere Idee, schon gar nicht die Demokraten, die nun die Mehrheit im US-Kongress haben. Ihre Forderung, die Boys möglichst schnell nach Hause zu holen, würde das irakische Desaster perfekt machen. Zöge die US-Armee überstürzt ab, bräche sich der irakische Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten noch ungehemmter Bahn.
Nicht nur das: Der hoch emotionalisierte Konflikt zwischen den Glaubensgruppen könnte auf die gesamte Region übergreifen, erst auf Bahrain und Saudiarabien, dann auf den Libanon. Zudem hätten die radikalen Islamisten der Marke al-Qaida eine neue propagandistische Erfolgsstory, die sie zur Saga vom großen Sieg gegen die Supermacht Sowjetunion in Afghanistan hinzufügen können.
Man muss keine Kassandra sein, um all diese Szenarien zu befürchten, bloß Realist. Manche Folgewirkungen dieses Krieges, vor allem die terroristischen, werden sich vermutlich ohnehin nicht verhindern lassen. Doch jetzt muss es darum gehen, Schlimmeres zu verhindern. Bush hat insofern Recht, als es fatal wäre, wenn sich die Amerikaner zu diesem Zeitpunkt aus dem irakischen Staub machten. Denn in das entstehende Vakuum könnten dann sehr schnell auch Nachbarstaaten hineingezogen werden. Es geht momentan darum, zumindest das Scheitern im Irak zu verwalten. Bis sich die Lage nur halbwegs beruhigt, wird noch ein langer Atem nötig sein.

Es wäre naiv zu glauben, dass Bushs (letztlich gar nicht so neue) Strategie eine schnelle Wende im Irak herbeiführt. Mit Truppenmassierungen in Bagdad hat man es auch auch schon im vergangenen Herbst versucht - ohne Erfolg. Vielleicht muss man in einem Jahr auch resümieren, dass die zusätzlichen 21.500 US-Soldaten letztlich gar nichts gebracht haben. Niemand kann das heute sagen. Doch wenn Bush nun den Einsatz erhöht, hat das auch eine nicht zu unterschätzende symbolische Bedeutung: Die USA wälzen die Verantwortung für den Irak nicht ab.
Gleichzeitig, und das ist (noch) kein Widerspruch, erhöht der US-Präsident den Druck auf die irakische Regierung. Ein richtiger Zug: Denn politisch müssen die Iraker ihren Konflikt letztlich selbst lösen. Es wird nicht reichen, alle Schuld immer nur bei den bösen amerikanischen Invasoren abzuladen.
Die USA könnten natürlich überdies versuchen, zwei äußere Mächte um Hilfe zu bitten: ihre Erzfeinde Iran und Syrien. Das hat auch der neue US-Verteidigungsminister Gates vorgeschlagen, solange er noch Mitglied der Baker-Kommission war. Bush hat schon Recht, wenn er sich von derlei Gesprächen keine Wunder erwartet. Doch einen Versuch wäre es wert. Wie alles, was jetzt im Irak unternommen wird, nur Versuche sind. Niemand hat einen Masterplan, auch Bush nicht.

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