"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Zeitfaktor als chance für die verlorene Seele der SPÖ" (Von Claudia Gigler)

Ausgabe vom 11.01.2007

Graz (OTS) - Nach dem schmachvollen Entree des Kabinetts Schüssel
I im Jahr 2000 gab es nur eine denkmögliche noch schmachvollere Variante des Einzugs der Gladiatoren: das Defilee durch ein Spalier von Buhrufern aus den eigenen Reihen.

Es scheint, als hätte die SPÖ diese neue Dimension erreicht, auch wenn Alfred Gusenbauer heute alles daran setzen wird, nicht in den unterirdischen Gang ausweichen zu müssen. Auf den zweiten Blick muss die ÖVP allerdings die Steine auf dem Weg durch die Legislaturperiode mindestens so fürchten wie die SPÖ.

Gusenbauer erlebt nach einem zermürbenden Ringen mit Wolfgang Schüssel gerade sein Waterloo. Eben noch strahlender Held, mutierte er von einem Tag auf den anderen zum Verlierer. Es war nackte Erpressung, noch nie wurde ein Regierungschef dazu gezwungen, seine Wahlversprechen noch vor Amtsantritt zu brechen.

Ab heute arbeitet die Zeit für ihn. Schüssel hat bewiesen, dass die Stimmung am Wahltag zählt, und nicht eine emotionale Entladung Jahre zuvor. Gusenbauer kennt seine Gegner, und er weiß um die Enttäuschung. Er kann sein Feld gezielt bestellen. Gelingt es ihm, ein paar Keime der Hoffnung noch aufgehen zu lassen, hat er im nächsten Rennen eine Chance.

Der SPÖ-Chef verlässt sich auf eine handverlesene Schar enger Freunde. Um den Wahlerfolg zu wiederholen, muss er allerdings erst die Basis dazu bringen, ihm zu verzeihen. Jubeltürken können das gequälte Stöhnen nicht übertönen. Die protestierende Jugend hat die Seele der ganzen Partei hinter sich.

Vordergründig gut läuft es für die ÖVP, aber was heute noch ein strahlender Erfolg ist, schmilzt morgen als Schnee von gestern vor sich hin. Die ÖVP trägt die Trophäe zahlloser Ämter vor sich her. Abgewählt wurde sie, weil ihre Wähler die soziale Wärme vermissten.

Schwergewichte des Arbeitnehmerflügels haben sich gerade selbst ihre Stärke bewiesen. Wofür? Um einem Tiroler das Ministeramt und damit einem anderen Tiroler die Würde des Landeshauptmannes zu retten. Was für ein Sieg. Es gibt gute Gründe für Mitstreiter der ÖVP, sich nicht den smarten Karl-Heinz Grasser als Leitfigur zu wünschen, aber darüber wurde nicht einmal diskutiert.

Die Partei steckt in einer Identitätskrise, die Person Schüssel hat es nur überdeckt. Nachfolger Willi Molterer, der verzichten muss auf die Strahlkraft des Ersten, ist jetzt Vizekanzler, Finanzminister und Parteichef zugleich, und er soll auch noch den Menschen die Herzen wärmen. Er wäre ein Übermensch, würde er daran nicht scheitern. ****

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