"Presse"-Kommentar: Der "Gusi-Dienst" als solidarische Aktion (von Erich Witzmann)

Ausgabe vom 11. Jänner 2007

Wien (OTS) - Sechs Euro pro Stunde: Was man Bedienerinnen nicht zumutet, soll für Studierende angemessen sein.
Statt Jubel, Trubel, Heiterkeit nun wütende Studenten, Transparente, Polizeieinsatz: So hat sich Alfred Gusenbauer seinen Start als österreichischer Bundeskanzler sicher nicht vorgestellt. Und jene Studierenden, die von der SPÖ bisher als Speerspitze gegen die Politik der schwarz-blauen bzw. schwarz-orangen Regierung verhätschelt wurden, sind nun - O-Ton Gusenbauer - "gewaltbereite Demonstranten", ihre Argumente sind "kommunistische Parolen".
Der SPÖ-Chef hat natürlich Recht: Es ist eine überschaubare Gruppe, die auf die Straße geht und wütend sein Wahlversprechen von der ersatzlosen Abschaffung der Studiengebühren verlangt. Die überwiegende Mehrheit der Studierenden lehnt sich zurück und beobachtet das Spektakel. Auch wenn die 363,36 Euro pro Semester aus vielerlei Gründen sinnvoll und im Vergleich zu den tatsächlichen Uni-Kosten sowieso nur ein bescheidener Beitrag sind - ein Gratis-Studium ist für die meisten die angenehmere Variante. Alle müssen jedenfalls zur Kenntnis nehmen, dass die "alte" Politik auch in der neuen Regierung prolongiert wird: Die Studiengebühren bleiben, die Demonstrationen ebenfalls.
Die Studiengebühren sind nicht das vorrangige Uni-Problem. Den Studierenden wäre weitaus mehr geholfen, wenn die Studienbedingungen verbessert werden, wenn genügend Uni-Lehrer für Seminare und Übungen, für Beratung und Betreuung der Diplomarbeiten zur Verfügung stünden; wenn Hörsäle und Labors dem Standard westlicher Spitzen-Unis entsprächen; und wenn der Abschluss in der kürzest möglichen Zeit zu schaffen ist. Bei der Einführung der Gebühren im Herbst 2002 hat man im Gegenzug die rasche Modernisierung der Universitäten versprochen. Das Regierungsprogramm weist Annäherungen in diese Richtung auf, die Probleme sind aber brennend und müssten sofort gelöst werden. Aber von den unleugbaren Missständen war auf den Transparenten der Demonstranten nichts zu lesen.
SPÖ-Klubobmann Josef Cap will jetzt zurückrudern und den Uni-Teil des Koalitionspakts noch einmal aufschnüren. Dass er dabei Gusenbauer desavouiert, übersieht Cap geflissentlich. Der künftige Bundeskanzler hat bei der Pressekonferenz am Montag - unmittelbar nach Abschluss der letzten Verhandlungsrunde - ungefragt und, wie stets, zufrieden lächelnd erzählt, dass das Modell der Sozial- bzw. Bildungsarbeit auf seinem Mist gewachsen ist; dass er schon vor Wochen diese Variante ausgeheckt hat. Er persönlich und nicht die ÖVP.
Damit hat sich Alfred Gusenbauer aber erst recht in die Nesseln gesetzt. Die 60 Arbeitsstunden für 363,36 Euro machen gerade sechs Euro pro Stunde aus. Mit wem vergleicht da der SPÖ-Vorsitzende die angehenden Akademiker? Eine Bedienerin bekommt acht bis zehn Euro pro Stunde, der Maurer im Pfusch ein Vielfaches. Für eine Nachhilfestunde - und dafür sollen die Studenten in erster Linie eingesetzt werden -sind 15 Euro hinzublättern, mindestens.
Nicht nur, dass die SP-Studenten generell gegen jede Form des Studienbeitrags sind, so dürfen sich angesichts der vorgesehenen Minderbezahlung von ihrem Parteichef geradezu verhöhnt fühlen. Wo die von Gusenbauer zitierte "solidarische Aktion", die er mit dem Arbeitseinsatz verbindet, liegen soll, bleibt nicht nur den Demonstranten verborgen. Denn für Studierende aus einem wohlbestellten Haus spielt die Bezahlung des Uni-Beitrags sowieso keine Rolle. Jene aus finanziell schwächeren Bevölkerungsschichten haben Anspruch auf ein Stipendium, 20 Prozent der Uni-Studierenden und mehr als 30 Prozent der Fachhochschüler erhalten dies. Und wo besteht nun für jene, die tatsächlich den Gusenbauer-Arbeitseinsatz -kurz: "Gusi-Dienst" - antreten, die Solidarität?
Apropos Solidarität: In Israel besteht dieses Modell. Das Mentoring-System wurde aber zur Unterstützung der Schüler eingeführt, als es noch gar keine Studiengebühren gab. Erst mit der Gebühren-Einführung hat man den engagierten Studenten den Uni-Beitrag erlassen. Ein Vergleich mit diesem Land hinkt also beträchtlich. Das Regierungsprogramm steht mitsamt dieser Arbeitsregelung, beide Parteien haben sich (mehr oder weniger) dafür ausgesprochen, es wird nun exekutiert. Alfred Gusenbauer setzt auf Zeit, er spekuliert damit, dass an den Universitäten wieder der Alltagstrott einkehrt. Allerdings: In diesem Frühjahr sind Studentenwahlen. Da fürchten die SP-Studenten um ihre Vorrangstellung. Das dürfte für Gusenbauer aber zweitrangig gewesen sein.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001