"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gerechtigkeit und Politik" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 31.12.2006

Graz (OTS) - Das eigentlich Bestürzende an dem Video über die letzten Minuten des zum Tod verurteilten Massenmörders Saddam Hussein ist die kühle Sachlichkeit des Vorgangs. Das war ganz anders als die dramatischen Hinrichtungsszenen, die man aus amerikanischen Filmen kennt.

Der Delinquent wird von vier vermummten Henkern in den kleinen niedrigen Raum geführt. Er ist ruhig und gefasst, nicht ohne Würde. Es wird nur das Notwendigste gesprochen. Zwei der Männer legen ihm die Schlinge um den Hals, einer zieht den monströsen Knoten enger und richtet noch etwas am Seil.

Dann bricht die Aufnahme ab. Es gibt kein Vorher und kein Nachher. Davon, was Saddam noch gesagt hat, wie er das kurze islamische Glaubensbekenntnis gesprochen hat, erfuhren wir aus Berichten. Es sollte nur die bloße Tatsache mitgeteilt werden, jede Emotion genommen werden.

Die irakische Regierung hatte es sehr eilig, mit Saddam ein Ende zu machen. Da gab es kein hinhaltendes Gefeilsche von Anwälten um den auf sein Ende Harrenden mehr.

Aber das entspricht durchaus dem Rechtsempfinden in der arabischen und moslemischen Welt, in der Todesurteile selbstverständlich, deren schnelle Vollstreckung und unsäglich grausame öffentliche Hinrichtungen alltäglich sind.

Saddam hat dagegen einen unüblich langen Prozess bekommen, der freilich längst nicht allen Anforderungen westlicher Standards an Fairness entsprach.

Die Vollstreckung des Urteils bleibt für unser Rechtsverständnis, das freilich keineswegs so alt und selbstverständlich ist, wie wir oft meinen, in jedem Fall inakzeptabel. Die Position eines polnischen Politikers, er sei zwar gegen die Todesstrafe, mache aber bei Saddam eine Ausnahme, ist schlichtweg absurd.

Diese Hinrichtung war ein politischer Akt. Dass sie ausgerechnet zum islamischen Opferfest, an dem üblicherweise Todesurteile nicht vollstreckt werden, angesetzt wurde, kann kein Zufall sein.

Den Anhängern des gestürzten Diktators sollte die Identifikationsfigur genommen und gezeigt werden, dass sie auf verlorenem Posten stehen. Aus Hussein einen Märtyrer zu machen, dürfte ihnen kaum gelingen, auch nicht unter der sunnitischen Minderheit, die mit dem Datum provoziert wurde. Es waren ja nicht nur Schiiten Opfer von Saddams Schergen.

Saddam Hussein war schon vor seinem Tod nur noch Geschichte, ein besonders grausames Kapitel in der Geschichte des Zweistromlandes. Er ist es jetzt defintiv. An der schrecklichen Lage ändert sein Tod nichts. ****

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