"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Musterschüler Euro ist noch immer ein ungeliebtes Kind" (von Rainer Strunz)

Ausgabe vom 28.12.2006

Graz (OTS) - Am Anfang überwog die Begeisterung. In den letzten Wochen des Jahres 2001 versuchten tausende Österreicher sich mit Euro-Startpaketen einzudecken, in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Jänner kannte die Freude dann keine Grenzen. Bankomaten wurden regelrecht umlagert, um rasch die ersten Euro-Scheine ergattern zu können, in größeren Städten hatten mobile Bankfilialen aufgesperrt, um die begehrte Gemeinschaftswährung um Punkt Mitternacht ausgeben zu können.

Der Euphorie folgte aber recht bald die Ernüchterung. Schon nach wenigen Wochen war der Euro als die eigentliche Wurzel so mancher Preiserhöhung ausgemacht, der Begriff vom Teuro machte die Runde.

Jetzt schlägt's dreizehn, dürfte sich Anfang 2002 so mancher Konsument beim Umrechnen der Preise gedacht haben. Nicht wegen des Euro-Kurses (zur Erinnerung: 1 Euro ist gleich 13,7603 Schilling), sondern wegen der unzähligen Preiserhöhungen. Speziell bei kleineren Summen lautete der Umrechnungskurs oft zehn Schilling sind ein Euro, das war Wasser auf die Mühlen jener Skeptiker, die befürchteten, der Euro würde die Preise in lichte Höhen treiben, während sein Kurs in den Keller fällt.

Die ersten Monate nach der Euro-Einführung waren denn auch die pure Bestätigung. Die so genannte gefühlte Inflation, also die Preisentwicklung jener Waren, die im Alltag stark nachgefragt sind, legte kräftig zu, während der Euro gegenüber dem Dollar konstant abrutschte.

Zumindest Letzteres gilt fünf Jahre nach der Euro-Einführung nicht mehr. Die Gemeinschaftswährung ist stärker denn je, und auch bei der Inflation kann man keinen "Teuro"-Effekt ausmachen. Geliebt wird der Euro dennoch nicht.

Obwohl er beziehungsweise seine "Väter" in der Europäischen Zentralbank viel geschafft haben. Der Euro ist heute deutlich mehr wert als zu Beginn der Währungsunion, und er ist vor allem stabil. Er verschafft der Wirtschaft in zwölf europäischen Ländern mit 314 Millionen Einwohnern unschätzbare Vorteile, er erleichtert das Reisen, vereinfacht Preisvergleiche, er ist schlichtweg ein Musterschüler.

Eines hat der Euro jedoch nicht geschafft. Das Verhältnis der Österreicher zum Euro ist von Vernunft, nicht aber von Zuneigung geprägt. Das liegt an seinem schlechten Start, liegt aber vor allem daran, dass der Aufstieg Österreichs nach dem Krieg eng mit dem Schilling verbunden war. Für ein, zwei Generationen kann der Schilling vom Euro daher maximal aus dem Geldbörsel verdrängt werden. ****

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