"DER STANDARD"-Kommentar: "Keine Währung der Herzen" von Gerfried Sperl

Als Euro die einigende Kraft Europas, als Teuro aber ein Ärgernis - Ausgabe vom 28.12.2006

Wien (OTS) - Nehmen wir eine Lammkeule. 75 Schilling hat die in einem besseren Lokal inklusive Beilagen kurz vor Einführung des Euro gekostet. Danach wurde in vielen Restaurants auf allgemein verständliche Weise umgerechnet. Ab 2002 kostete dieselbe Lammkeule 7,50 Euro (was etwas mehr als hundert Schilling entspricht). In Italien kosteten, sagen wir, Tagliatelle 7500 Lire, was ungefähr 7,50 Mark ausmachte. Der Neupreis war dann 7,50 Euro. Und wer wenig später nach London fuhr, zahlte für solche Köstlichkeiten ab sofort 7,50 Pfund. In Madrid kostete der Kaffee ursprünglich 100 Peseten, dann einen Euro.
Wer das nicht versteht, ist selbst schuld. Der Preis ist doch überall derselbe, gilt oft heute noch (keine Teuerung!) und macht das europäische Kostengefüge total vergleichbar. In den Gasthäusern zumindest. Nur wer nachrechnet, kann den Schwindel wirklich beziffern. Zum Beispiel: Ein Euro steht in Spanien für 166 Peseten -und beim Kaffee somit für eine exorbitante Preiserhöhung.
Das hat sich auf vielen anderen Gebieten in ähnlicher Weise abgespielt. Überall dort, wo man mit den Zahlen jonglieren konnte und wo die Überprüfbarkeit der Preissteigerungen der Flüchtigkeit und der Beschleunigung des Alltags zum Opfer fiel.
Die gesamte Markenartikel-Branche und die Lebensmittelketten hatten sich schon 2001 darauf festgelegt, Preisdisziplin zu üben. Darüber hinaus wurde anfangs darauf geachtet, dass alle Inhalte des für den Preisindex zuständigen Warenkorbs einer restriktiven Preisbildung unterlagen. Nicht lange, wie eine eben publizierte Untersuchung zeigt.
Da für die meisten Menschen das Negative attraktiver ist als die gute Tat, und weil die Liebe schließlich durch den Magen geht, ist der Euro unbeliebter, als Politik und Banker gerne hätten. Der Euro ist also ein Teuro.
Obwohl er zweifellos seine Meriten hat. Der größte seiner Verdienste:
jene einigende Kraft, die Geld in Friedenszeiten und im Wettbewerb nun einmal hat. Mit dem Euro wurde eine Art Kerneuropa geschaffen, das nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern gegenüber den USA mehr Selbstbewusstsein als früher hat. Gegen die amerikanische Währung werde er nicht aufkommen, sagten führende US-Experten. Schrecklich, eine Währung, die um ein Drittel schwächer ist, unkten europäische Wirtschaftswissenschafter.
Nichts davon hat sich bewahrheitet. Die monetäre Stärke des Euro ist sicher ein Problem, aber dass man mit ihm fast überall auf der Welt auch zahlen kann, wurde nicht erwartet. Dass er ein Synonym für gutes Wirtschaften sein würde, ebenfalls nicht. Großbritannien, Dänemark und Schweden werden ihm noch lange fernbleiben, obwohl sie dabei sein könnten. Aber für ökonomisch schwächere Länder ist, wie im Fall Sloweniens, der Beitritt zur Eurozone ein Qualitätsausweis und der letzte Schritt, endgültig in (West-)Europa angekommen zu sein.
Die größten Vorteile spielt die Einheitswährung im Leben mobiler Menschen aus. Nicht wechseln zu müssen ist schon eine Feinheit -angesichts der sonstigen Schikanen: den Pass vorzeigen oder die Schuhe ausziehen zu müssen, eine Reitgerte nicht mitnehmen zu können, weil sie für die Briten (beispielsweise) als Waffe gilt. Aber daran ist nicht der Euro schuld.
In seine Beurteilung mischen sich jedoch viele andere Hoffnungen und Enttäuschungen. Wie das generelle "G’frett" der Europäer mit der EU. Und die Rückbesinnung auf die gute alte Zeit, die mit dem Franc, den Kronen oder dem Gulden verbunden ist. Da verteidigen sie auf der Insel dann das Pfund als letzte Bastion britischer Weltgeltung und englischer Eigenart. Irgendwie verständlich.
In den fünf Jahren seiner Existenz ist der Euro erwachsen geworden. Denn er hält sich im Ensemble der führenden Währungen außerordentlich gut. Das ist sein Erfolg.
Nicht geschafft hat er die Eroberung der Herzen. Angefangen vom nüchternen Namen bis hin zu Teuerungen, die die sozial Schwachen trafen.

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