"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ehrenrettung für ein Fest" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 24.12.2006

Graz (OTS) - Was haben wir eigentlich gegen Weihnachten? Das globalisierteste Fest der Christenheit hat einen Ruf, der mit verheerend nur unzureichend beschrieben ist. Der Hohn der Puristen ist ihm alle Jahre wieder gewiss, obwohl sich keiner seinem Sog entziehen mag.

Warum eigentlich? Ist nicht das, was wir für die Entartung eines intimen Familienfests halten, in Wahrheit ein historisch einmaliger Triumphzug? Wann hat je eine Religion einen so zählebigen Brauch hervorgebracht, ein Ereignis, das weit über die Schar der eigenen Gläubigen hinaus wirkt?

Nicht einmal die Verfettung scheint dem Fest seine Kraft zu rauben. Es treibt Menschen in die Kirchen, führt zerfallene Familien zusammen, frischt verdorrte Freundschaften wieder auf und weicht für ein paar Wochen die Umgangsformen selbst des härtesten Geschäftszweigs auf. Nie sonst sieht man so viele Leute absichtslos beim Punsch beisammenstehen, nie sonst schleppt der Briefträger so schwere Lasten durchs Land, nie sind die Menschen so freigebig wie in diesen Tagen. Und selbst der Konsumrausch hat doch nur den einen Sinn andere angenehm zu überraschen, sie zu erfreuen, im Idealfall gar zu beglücken. Nicht wenig für einen angeblich völlig sinnentleerten Feiertag.

Natürlich ist das alles nicht der Kern der Botschaft. Aber wann hat denn je die Mehrheit der Menschen den Kern der Botschaft gefeiert? War das fromme Familienidyll, von dem Karl-Heinrich Waggerl und Peter Rosegger herzwärmend fabulierten, diesem Kern näher?

Nein, behauptet der Frankfurter Soziologe Karl Otto Hondrich. Weihnachten schlägt der Moral der Familie ins Gesicht, schreibt er. "Denn in allen Kulturen steht der Vater für den Sohn, der Sohn für den Vater, der Bruder für den Bruder; und alle stehen sie für die eigene Gruppe, den vertrauten Kreis, das Familiäre eben." Das Christentum, meint Hondrich, bricht mit dieser Normalität. "Der Vater opfert den Sohn, aus Liebe zur Menschheit. Eine großartig ausgreifende theologische Idee und ein moralisches Monstrum." Um eben diese Monstrosität zu kaschieren, sei das Weihnachtsfest zur stärksten Waffe der Familien gegen die Zumutungen dieser Religion umgeschmiedet geworden, behauptet er.

Die These ist kühn und klingt plausibel. Sie erklärt auch, warum das viel wichtigere Osterfest die Welt weit weniger beschäftigt. Zu Ostern gibt es keine Ausflucht. Da steht das Schlachten im Mittelpunkt. Auch Osterei und Zuckerreindling können den Skandal nicht beschönigen.

All das ist kein Grund, Weihnachten zu verachten. Auch in seiner flachsten Version erzählt es noch von Erlösung. ****

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