Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Nur Mut

Auch für viele Menschen, die sich sonst streng an rationalen oder künstlerischen Kriterien orientieren, ist rund um Weihnachten plötzlich Kitsch in jeder Facette erlaubt. Das ist an sich durchaus nichts Schlimmes. Denn trotz Ausbeutung weihnachtlicher Emotionen durch Werbung und Handel erinnert auch der Weihnachtskitsch an zentrale Werte: an Familie, Heimat, Glaube, Nächstenliebe. Und deshalb sollte nicht der Kitsch an sich stören, sondern etwa die Tatsache, dass viele den Erwartungshorizont ihres emotionalen Konsum-Anspruchs so hoch legen, dass nach den Feiertagen die Scheidungsanwälte Hochbetrieb haben.

Für die Kirche ist Weihnachten aber auch die Chance, im Kontrast zu diesem wolkigen Gefühlsdusel den Menschen Sinn und Orientierung zu geben. Und zwar weit mehr, als dies Schmalz und Schmelz süßer Lieder und Watte-Engeln vermögen.

Gibt sie das tatsächlich? Gewiss, der Papst hat sich als eindrucksvolle Persönlichkeit bestätigt. Ganz konsistent agiert aber auch er nicht: Zuerst war er gegen, dann für einen türkischen EU-Beitritt. Und dies anscheinend nur, damit die türkischen Zeitungen bei seinem Besuch nett zu ihm sind. Und was war sein Motiv, unkommentiert einen beinharten Satz eines oströmischen Kaisers zum Islam in eine an sich begeisternd kluge (wenn auch anspruchsvolle) Rede über das Verhältnis von Vernunft und Glaube aufzunehmen?

Auch die heimische Kirche lässt sich oft vom tagespolitischen Opportunismus treiben. Warum etwa führt sie eine politische Aktion dagegen an, dass ausländische Mütter einige Monate lang kein Kindergeld erhalten - während sie doch kein Problem damit hatte, dass noch vor kurzem viele österreichische Mütter (besonders die sehr armen) drei Jahre lang kein Kindergeld bekamen? Wie oft stellt sie Nächstenliebe als unsere persönliche Aufgabe dar, die nicht billig an den anonymen Staat delegiert werden kann, der dafür Schulden zulasten der nächsten Generation macht? Oder wo ist der kraftvolle mediale Protest gegen die Christenverfolgungen von China bis in die islamische Welt?

Der vor rund 2000 Jahren geborene Jesus Christus hat eine Botschaft des Mutes und nicht der Verleugnung des Glaubens (etwa in zahl- und substanzlosen "Dialogveranstaltungen") hinterlassen.

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