"Die Presse" Leitartikel: "Wo selbst die Mächtigen in die Knie gegangen sind" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 23.12.2006

Wien (OTS) - Wer über "Weihnachtsmann oder Christkind?" streitet, läuft Gefahr, das Wesentliche wieder einmal zu verpassen.
Könnte bitte jemand - vielleicht der Knecht Ruprecht? - einen Waffenstillstand zwischen der Weihnachtsmann- und der Christkind-Fraktion herbeiführen! Ob ein übergroßer Gartenzwerg in Rot die Geschenke bringt oder ein zwischen Goldengel und Osterhasen angesiedeltes Zerrbild des Jesuskindes, ist doch wirklich Nebensache. Laut dem Journalisten Peter Seewald hält schon die Mehrheit der Deutschen die Weihnachtserzählung für ein Märchen der Brüder Grimm -da sollte man sich nicht mehr über die authentischere Verniedlichungsvariante streiten, sondern darüber diskutieren, ob uns nicht nur liebe alte Festbräuche verloren gegangen sind, sondern schon das Fest selbst.
Die Rede ist hier nicht davon, dass gefälligst jeder zu glauben habe, dass da im Stall der Erlöser der Welt, "nach dem sich die ganze Schöpfung seit Anbeginn sehnt", geboren worden ist - Glaube ist ja, so sagt der Katechismus, eine geschenkte Gnade, man darf ihn nicht einfordern. Aber das Weihnachtsfest, das sich so tief in die DNS der europäischen Zivilisation eingebrannt hat, ist eine kulturelle Ikone, die auf alle wirkt - auch auf Un- und Andersgläubige. Und auch die Sterilisation oder Infantilisierung des Festes wirkt auf alle.
Die zeitgenössischen Versuche, Weihnachten auf das unverbindlich Gemütvolle zu reduzieren, als ginge es darum, alte Postkartenidyllen nachzustellen, sind im Grunde dasselbe wie das Streben der Nazis, aus Weihnachten ein betuliches Fest aus Schnee, Stille, blinkenden Sternen und der Sehnsucht nach den Vätern und Ehemännern an der Front zu machen. Weihnachten heißt aber gerade nicht, dem Stimmungsvollen, der Kindheitsnostalgie zu huldigen, sondern dem Kind - im Besonderen dem Kind in der Krippe. Die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland kamen ja auch nicht, um sich wieder wie damals zu fühlen, als sie noch klein waren, sondern "um das Kindlein zu schauen".
Das prägt ganz anders. Zum einen, weil jedes neugeborene Kind auf eigentümliche Weise so viel von dem erzählt, was die Gottesvorstellung des Christentums ausmacht: Es liebt bedingungslos, verzeiht und ist treu - seine Umarmung und sein Zutrauen gelten auch der Rabenmutter oder dem jähzornigen Vater. Es ist konstitutionell unfähig, Böses zu wollen. Es kennt kein Kalkül, sondern ist in jeder Sekunde ganz unverstellt es selbst - aber es verlangt volle Aufmerksamkeit und wird zum Taktgeber des Alltags. Es gibt sein Lächeln ungeschuldet, und was man in seinen Augen sieht, ist größer als Zeit und Raum. Vom Kind erfahren wir, dass in dieser Welt auch das Zärtliche, das Reine und das Gute ganz natürlich zuhause sind. Ein Zweites kommt dazu: Durch die Jahrhunderte haben die Herrscher des Abendlandes ihr Haupt vor dem Kind in der Krippe gebeugt - vor einem Wesen, dem Schwäche, Armseligkeit und Schutzlosigkeit zu eigen sind wie keiner anderen Gottesvorstellung der Geschichte. Hat nicht genau das die eigentliche Größe Europas ausgemacht - dass dieser Kontinent durch alle grauenhaften Verirrungen doch den Begriff der Menschenwürde weitergetragen und entfaltet hat, weil da das Bild dieses Kindes war, das "die Niedrigen erhöht"? Macht und Selbstherrlichkeit europäischen Herrschertums haben oft genug - auch in Berufung auf das Christentum - verheerend gewirkt - aber doch war ihnen von Anfang an eine Bremse eingebaut.
Sicher: Fundamente der Menschenrechte und des sozialen Gewissens finden sich schon im antiken Recht - aber auf archaischer Stufe, die Sklaverei und Gladiatorenkampf, das Aussetzen von Kindern und die Zwangsehe kannte, dafür aber wenig Achtung vor dem Schwachen. Doch dann sind die Mächtigen vor einem Kind, das in einem nahöstlichen Stall der ganzen Welt die Arme entgegen streckt, in die Knie gegangen . . .

Wer glaubt, der Menschheit einen Dienst zu erweisen, wenn er diese Markierungen aus dem Fest eliminiert, tut dies auf eigene Gefahr. Und wer - wie es etwa heuer wieder in Großbritannien geschieht - sich dabei noch auf die Rücksichtnahme etwa auf Moslems beruft, ist perfid. Die meisten Moslems empfinden viel mehr Unbehagen bei der Idee, dass religiöse Feste in der Öffentlichkeit nicht mehr religiös sein dürfen. Und sie werden auch noch als die Spielverderber und Traditionstöter denunziert, die sie gar nicht sind.
Schauen wir lieber, wie leer die Krippen Europas geworden sind. Ein Kontinent, der verlernt hat, das Wunder des Kindes zu sehen? Veröden wird Europa schon nicht, der Andrang der Völkerscharen, die unserem Wohlstand huldigen wollen, wird das zu verhindern wissen. Doch wenn es sich nicht mehr in Respekt vor dem Kind verneigt, dann wird Europa zwar alles mögliche werden, aber eines nie wieder sein: europäisch.

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