Wenn es mehr Jobs gibt, werden wir alle ärmer

"Presse"-Leitartikel, vom 21. 12. 2006, von Michael Prüller

Wien (OTS) - Oder: Wie man mit ein bisschen Anstrengung Österreich arm reden kann, obwohl es den meisten besser geht.

Es ist an die 20 Jahre her, dass der damalige Caritas-Präsident Leopold Ungar in einem Interview die Unsitte die Panikmache mit unhaltbaren Zahlen über das Ausmaß des Hungers in Afrika scharf kritisierte. Dadurch bekämen die Menschen nur den Eindruck, dass hier ein trotz aller Anstrengungen sich weiter verschlimmernder und somit hoffnungsloser Zustand vorliege. In unseren Tagen ist ein solches Thema nicht der Hunger in Afrika, sondern das immer ärmere Österreich.
"Österreicher können sich weniger als 1998 leisten", titelte gestern der Kurier, "Realeinkommen niedriger als vor acht Jahren" der Standard, "Kaufkraft ist seit 1998 gesunken" die Wiener Zeitung. Und "Die Menschen haben seit sieben Jahren weniger in der Brieftasche", erklärte SP-Finanzsprecher Christoph Matznetter. Auslöser war der Einkommensbericht des Rechnungshofes, der diesmal von der Statistik Austria mit einem Sonderkapitel über die Einkommensentwicklung von 1998 bis 2005 versehen wurde. Aus diesem Kapitel kann man viel herauslesen - nur die "Wir werden alle ärmer"-These nicht (und die Statistik Austria selbst, gründliche und vorsichtige Leute, hat das auch nicht getan).
Das Gwirks beginnt damit, dass als Messgröße das Brutto-Medianeinkommen genommen wird (Definition: Die Hälfte der Einkommen in Österreich liegt über dem Median, die andere Hälfte darunter). Nun ist es schon problematisch, an Brutto-Einkommen ablesen zu wollen, was sich die Österreicher leisten können - weil Steuern, Abgaben und Sozialleistungen das Bild völlig verändern können. Aber auch schon das Instrument des Medianeinkommens selbst ist trügerisch genug - eine sehr allgemeine Größe, die leicht zu missdeuten ist.
Ein Beispiel: Der Vater verdient 2500 Euro, die Mutter 2000, der Sohn 1500, die Tochter nichts. Dann liegt der Familien-Median bei 2000 Euro (das mittlere Einkommen, nämlich jenes der Mutter - die Tochter zählt als Nullfall nicht mit). Wenn die Tochter nun einen Job annimmt, der ihr 1000 Euro bringt, sinkt das Medianeinkommen der Familie auf 1750 Euro (die Mitte zwischen Mutter- und Sohn-Einkommen). In der Lesart von Kurier bis Matznetter heißt das:
"Die Familienmitglieder können sich jetzt weniger leisten als zuvor." Tatsächlich verfügt die Familie aber um 1000 Euro mehr. Von sinkender Kaufkraft keine Spur.
Im wirklichen Leben sieht das etwa so aus: All die Jahre hatten wir einen Nettozuwachs an Beschäftigung, es traten also mehr Leute ins Berufsleben ein als in Pension gingen. Da die meisten Neu-Beschäftigten ihr Berufsleben eher mit niedrigen Löhnen beginnen, senkt ihr Zuzug das Medianeinkommen. Viele der Berufsanfänger sind zudem Teilzeitbeschäftigte. Das senkt das Medianeinkommen gleich nocheinmal - weil die Statistik nicht "Einkommen pro Stunde" erhebt, sondern 20-Wochenstunden-Löhne genauso behandelt wie die besseren Vollzeitgehälter. Wer statt bisher nichts nun 800 Euro erhält, senkt also den Median.
Doch selbst wenn unwahrscheinlicherweise all diese Effekte wegfielen und ausschließlich sinkende Reallöhne für einen Rückgang des Medianeinkommens verantwortlich wären, so könnte man noch immer nicht von generellen Kaufkraftverlusten sprechen. Denn laut Statistik hatten im Jahr 2005 nur Arbeiter und Pensionisten ein Medianeinkommen unter dem Wert von 1998, jenes von Angestellten und Beamten lag aber darüber (und für die Selbstständigen gibt es keine sinnvollen Daten). Schon daraus lässt sich ersehen, dass "Die Menschen haben heute weniger im Börsel" nicht einmal als Trendangabe stimmt.
Das wird durch eine weitere Studie der Statistik Austria belegt, die jene Personen gesondert untersucht hat, die zwischen 2000 und 2005 durchgehend beschäftigt waren. Etwas mehr als ein Viertel von ihnen hat Einkommenszuwächse verzeichnet, die zu niedrig waren, um die Inflation wettzumachen. Drei Viertel haben also keine Kaufkraftverluste hinnehmen müssen.

Nicht Österreich also, aber doch einige Österreicher stehen heute schlechter da. Man kann - und sollte - darüber diskutieren, ob das zu viele sind und was man dagegen tun kann. Aber ganz zum Naturgesetz wird man ein stetig steigendes Einkommen für jedermann nicht machen können. Es wird immer sterbende Branchen, Unternehmen mit Sparzwang und schlicht Menschen mit korrekturbedürftigen Überbezahlungen geben. Vor allem aber sollte man sich bei den höchst notwendigen Überlegungen zum Thema Armut und Gerechtigkeit nicht von schlecht gelesenen Statistiken irre machen lassen. Vom nicht gerade aufmunternden Effekt auf den ohnehin zu selbstmitleidiger Tragik neigenden Österreicher ganz zu schweigen.

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