Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Der Kindermord

Wien (OTS) - Es ist fast die letzte Chance der EU zu zeigen, dass sie auf diesem Globus doch eine Rolle spielt: Das Todesurteil gegen fünf bulgarische Krankenschwestern wegen angeblich absichtlicher Infizierung libyscher Kinder mit Aids ist ein so provozierender Skandal, dass alle Energien der Union aufgewendet werden müssten, um die Frauen freizubekommen. Immerhin ist Bulgarien in wenigen Tagen Mitglied der EU. Immerhin sind die libyschen Urteile unter Anwendung von Folter zu Stande gekommen. Immerhin gibt es unabhängige wissenschaftliche Beweise, dass die Aids-Welle schon vor Eintreffen der Bulgarinnen ausgebrochen ist.

Europas Regierungschefs behaupten ständig, wie wichtig sie weltpolitisch wären. Was sie aber offenbar weder zu Gunsten der Bulgaren noch der Polen (die vor kurzem von Moskau erpresst worden sind) erproben wollen.

Selbst wenn der ganze Schauprozess nur inszeniert worden ist, damit sich Diktator Gaddafi am Ende als gnädiger Machthaber nach sieben Jahren Martyrium geben kann, ist das alles widerlich. Übrigens: Gab es da nicht irgendwo einen Landeshauptmann, der sich brüstete, ein Freund Gaddafis zu sein?

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Deprimierend ist auch diese Nachricht aus Österreich: In keinem anderen Land Europas ist der Kinderwunsch so niedrig wie bei uns. Eine Studie zeigt, dass vor allem Männer heute am Nachwuchs desinteressiert sind. Offenbar haben sie sowohl ihre "egoistischen" als auch ihre "kooperativen" Gene verloren (womit sich die diesbezügliche wissenschaftliche Kontroverse erübrigen dürfte). Verantwortungsvolle Politik sollte daher alles tun, um doch noch zu mehr Kindern zu ermutigen. Die Linken sollten einmal ehrlich nachdenken, wie sehr ihre feministischen Eskapaden die Männer zur Flucht in die Scheinwelt der Computer veranlasst haben. Und die Konservativen sollten überlegen, ob eine Konzentration des Kindergeldes auf nur ein (gut bezahltes) Jahr vielleicht mehr Eltern zu mehr Kindern ermutigen würde. Auch wenn es natürlich richtig und hundertfach bestätigt ist, dass es für die Kinder selbst viel besser ist, wenn sich die Mütter möglichst intensiv mit dem Nachwuchs befassen. Und die Väter ebenso.

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