"Die Presse" Leitartikel: Ein wenig Solidarität - auch mit den Jungen von Franz Schellhorn

Ausgabe vom 13.12.2006

Wien (OTS) - Die SPÖ fordert die Kürzung von "Top-Pensionen". Was Betroffene empört, Jüngere aber anders sehen könnten.

Wenn ein Regierungsverhandler der SPÖ "Solidarbeiträge" von Beziehern sogenannter "Spitzenpensionen" fordert, ist für Stimmung gesorgt. Die Beamtengewerkschaft schreit "sozialistischer Klassenkampf", ÖVP-Pensionisten-Vertreter Andreas Khol verspricht, derartige Willkür mit "Zähnen und Klauen" bekämpfen zu wollen. Und für den "roten" Pensionistenchef Karl Blecha muss einmal Schluss sein mit der Pensionisten-Verunsicherung. Die Zeiten, in denen über die Köpfe der Pensionisten hinweg entschieden werde, seien vorbei. Oder, wie es ein "Presse"-Leser so schön ausdrückte: "Modell: Raubritter, Deckname:
Solidarität."
So kann man die ganze Sache schon sehen. Etwa, wenn man Rentner ist oder die Interessen aller Pensionisten zu vertreten hat. Also auch jener 110.000 Bürger dieses Landes, die der SPÖ-Vorschlag betreffen soll. Die Rede ist von früheren Politikern, Beamten und Kammer-Beschäftigten, denen monatlich zwischen 2700 und 14.000 Euro Pension überwiesen werden. Diesen Rentnern vorzuwerfen, sich mit Händen und Füßen gegen die Kürzung ihrer Pensionen - und um nichts anderes geht es der SPÖ - zu wehren, wäre reichlich absurd.
Aber vielleicht ertappen sich die Bezieher derartiger Pensionen -also auch die Herren Blecha und Khol - ja hin und wieder dabei, wie sie sich in einem stillen Moment in die Lage der Jüngeren hineindenken. Um zu sehen, dass die "wohlstandsverwahrlosten" und "egoistischen" Jungen ganz schön solidarisch sind. Etwa, wenn es darum geht, das Pensionssystem vor dem Kollaps zu retten und ohne Murren eine Pensionsreform zu akzeptieren, die in ihren Grundzügen zwar hoch vernünftig ist, aber einen gewaltigen Schönheitsfehler hat:
Sie geht ausschließlich zu Lasten der Jungen, während sich die Pensionisten in der Rolle der Unbeteiligten gefallen. Interessanterweise hatten die ins Parlament gewählten Vertreter der Jungen in Sachen Pensionsreform bisher nicht viel mehr beizutragen, als den älteren Politikern mit glasigen Augen Beifall zu klatschen. Etwa, wenn sich letztere stattliche Pensionen sichern. Nachdem es den jungen Parlamentariern aller Fraktionen offenbar zusehends schwer fällt, sich gedanklich mit der Problematik ihrer eigenen Generation auseinanderzusetzen, erlauben wir uns an dieser Stelle, ein wenig auszuhelfen. Vielleicht kommt es wider Erwarten ja doch noch zu einer Debatte zwischen jüngeren und älteren Parlamentariern. Und da wäre wohl Folgendes anzubringen:
1. Ja, wir Jungen respektieren die Ansprüche der älteren Generation auf eine angemessene Altersvorsorge. Wir erwarten auch keinen finanziellen Beitrag von Mindestrentnern. Der nun von der SPÖ geforderte Obulus der Spitzenpensionäre würde auch das Pensionsproblem nicht beseitigen. Aber zumindest zeigen, dass die Jungen nicht ganz allein gelassen werden.
2. Ja, uns Jungen bleibt noch mehr Zeit als den Älteren, für die offenbar harten Zeiten des Ruhestandes vorzusorgen. Doch wie viel Zeit braucht man eigentlich, um neben dem eigenen Leben den Ruhestand der älteren Generationen zu finanzieren und gleichzeitig für seine eigene Pension privat vorzusorgen (wer es noch nicht weiß: auf die Jungen wartet bestenfalls eine staatliche Mindestpension)? Und zudem die Pflegekosten für die Älteren zu übernehmen und gleichzeitig selbst für die zu erwartenden Pflegekosten vorzusorgen?
3. Nein, wir Jungen haben keine allzu große Lust mehr, uns permanent von wohl erworbenen Rechten erzählen zu lassen. Wohl erworben? Von wem eigentlich? Von Generationen, die heute in den Kindergarten gehen oder noch gar nicht geboren sind? Das könnte man bestenfalls dann akzeptieren, wenn die Älteren in den vergangenen 30 Jahren von demografischen Verwerfungen nichts bemerkt hätten.
4. Nein, wir Jungen können das Gerede vom Generationenvertrag nicht mehr hören. Wenn sich vier von fünf Bürgern in diesem Land weit vor dem gesetzlichen Pensionsalter in die Rente verabschieden und einen auf invalid machen, dann wurde dieser Vertrag schon längst gebrochen. 5. Ja, wir Jungen sind im Wohlstand aufgewachsen, in einem lebenswerten Land. Dafür ist wohl jeder junge Mensch dankbar. Wir sollten es damit aber auch nicht übertreiben. Wir übernehmen schließlich einen - um es einmal nett zu formulieren - nicht ganz schuldenfreien Staat mit einem etwas unterfinanzierten Sozialsystem. Das alles mag für Ältere nicht sonderlich sympathisch klingen. Es ist aber auch nicht sonderlich sympathisch, die jüngeren Generationen mit der Lösung der "Pensionsfrage" dauerhaft alleine zu lassen. Und dafür auch noch Dankbarkeit zu erwarten.

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