Vom Pragmatismus im Umgang mit Diktatoren

"Presse"-Leitartikel von Wolfgang Greber

Wien (OTS) - Augusto Pinochet war ein brutaler rechter Despot. Auf sein Erbe verzichtet Chiles Linksregierung dennoch nicht.

An einem sonnigen Herbsttag des Jahres 2001 eröffnete Frau Andrea M., Wirtin eines typisch deutschen Kaffeehauses im entzückenden, am Ufer des Lago Llanquihue gelegenen Städtchens Frutillar in Südchile, im Gespräch mit der "Presse" ihre Sicht über Augusto Pinochet, den berühmt-berüchtigten Ex-Diktator Chiles: "Er hat uns Ordnung und Wohlstand gebracht", sagte die Dame, die in den 40er-Jahren aus Hamburg zugewandert war, "die Kommunisten haben ja alles ins Chaos gestürzt. Dass dabei auch schlimme Dinge passiert sind, ist nicht schön. Aber das war halt nötig."
Wenige Tage vor jenem Gespräch, am 11. September 2001, hatten islamistische Terroristen das World Trade Center in New York zerstört. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass auch jenes Ereignis, das in der Geschichte Chiles eine blutige Zeitenwende darstellt, an einem 11. September geschah - sogar am selben Wochentag, einem Dienstag: Damals, 1973, putschte eine Militärjunta unter General Pinochet gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende. Der erschoss sich, als Soldaten den Präsidentenpalast stürmten.
Was in den Folgejahren bis zum Abgang Pinochets 1990 geschah, zieht bis heute Gräben zwischen den rund 16 Millionen Einwohnern Chiles; und die Gräben dürften in diesen Tagen, kurz nach dem Tod des 91-Jährigen, noch etwas tiefer werden.
Menschen wie Frau M., die Kaffeehausbesitzerin, stehen auf jener Seite des Grabens, wo man die Zeit der Militärdiktatur als "goldene Jahre" sieht: Schließlich hatte Allendes Wirtschaftspolitik à la Ostblock Chile an den Rand des Abgrunds gebracht. Unruhen tobten. Zuletzt beschuldigte das Parlament Allende des Verfassungsbruchs.

Endlich ein Ende der sozialen Unruhen, jubelt man hier. Pinochet brachte Stabilität, Marktwirtschaft, Abbau von Handelsbarrieren, Privatisierung. Unternehmertum galt wieder was, die Infrastruktur wurde verbessert. Der Masse der Chilenen ging es, nach einigen harten Übergangsjahren, besser. Die sozioökonomische Bilanz jedenfalls ist:
Chile wurde wohlhabendstes Land Lateinamerikas und ist bis heute auch sozial überaus stabil.
Manche sägen übrigens an der linken Ikone Allende auch wegen dessen Dissertation zum Dr. med. von 1933: In jener Arbeit finden sich befremdliche Stellen zum Thema Juden, Zigeuner, Rassenhygiene.
Auf der anderen Seite des Grabens recken jene ihre Fäuste hoch, die in Pinochets Diktatur nur Blut, Folter und Unterdrückung sehen. Auch sie haben völlig Recht: Pinochet war ein Verbrecher. Mehr als 3000 Oppositionelle wurden ermordet oder verschwanden, Zehntausende wurden gefoltert. Hunderttausende flohen ins Ausland - was sie nicht immer vor den Häschern schützte: Mehrfach tötete Chiles Geheimdienst Exilanten im Ausland.
Zudem ist wahr, dass zur Krise unter Allende auch die USA tüchtig beitrugen, die Sanktionen verhängten und die CIA den "marxistischen Bösewicht" Allende untergraben ließen. Doch wie dem auch sei: Chile ging aus der diktatorischen und wirtschaftsliberalen 17-jährigen Katharsis stabil hervor - klingt zynisch, ist aber so. Auch linke Regierungen ab 1990 setzten den Wirtschaftskurs des Diktators weitgehend fort.

Sicher kann, das sei betont, Wohlstandsmehrung nicht Legitimation von Terror sein - wie es oft missbräuchlich im Kontext mit der Nazi-Zeit geschieht, wenn Autobahnbau oder "ordentliche Beschäftigungspolitik" zur Relativierung von Krieg und Judenverfolgung herangezogen wird. Aber nüchtern beachtet zeigt der Fall Chile: Die Bäume mögen mit Blut und Tränen gegossen worden sein, doch viele ihrer Früchte schmecken allen.
Auch den "Linken", wenn sie, wie in Chile, wirtschaftspolitisch handeln wie der alte Diktator. Man zerstört eben nicht justament alles oder macht rückgängig, nur weil es unter furchtbaren Umständen zustande kam.
Das aber ist überhaupt Zeichen eines menschlichen Grundpragmatismus im Umgang mit Gewalt. Dient sie "richtigen" Zwecken, wird sie eher ignoriert, bei Links wie bei Rechts. Also war auch die Linke einst still, ging es etwa um die linkstotalitären Systeme UdSSR, DDR, Albanien, Rumänien etc. Auch bei der Aufrüstung des Warschauer Paktes mit gefährlichen SS-20-Atomraketen in den 70er-Jahren hörte man von links keinen Mucks.
Das aber wäre damals nötig gewesen.
Und heute wird schnell als "Faschist" tituliert, wer etwa überkommene Repressionsregimes wie Kuba oder die linkspopulistische Welle in Venezuela hinterfragt.
Das aber wäre heute nötig.

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