"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Rhythmik des Lebens" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 10.12.2006

Graz (OTS) - Der 8. Dezember ist längst verloren für die Kirchen, er gehört dem Konsum, es ist sein Feiertag, und jeder Versuch der Restitution wäre naiv. Jetzt aber, da die Schleuse geöffnet ist, erfasst der Sog des Marktes den nächsten Damm, den freien Sonntag.

Wer die Schutzzone verteidigt, tut dies vermutlich auf verlorenem Posten. Auch hier beherrscht die Logik des Marktes den Diskurs: Der Mensch habe auch sonntags Lust einzukaufen, wieso soll er nicht dürfen, und wenn er darf, wieso soll das Bedürfnis nicht befriedigt werden, meet the needs, sagt der Manchester-Liberale.

Dagegen anzuargumentieren, ist schwer, weil gegen den zähl- und messbaren Wert von Umsatz und Rendite ein Wert in Stellung zu bringen ist, der weich und diffus und nicht kapitalisierbar ist, der kulturelle Wert der Rhythmik des Lebens.

Die siebente Tag unterbricht den Kreislauf von Arbeit und Konsum. Er ist in seinem Wesen antikapitalistisch. Er steht dem Geschäft im Wege. Er ist lästig. Der Tag ist der "seelischen Erhebung" geschenkt, wie es die deutsche Verfassung etwas pathetisch ausdrückt, also dem Menschen. Der definiert sich an diesem Tag nicht über die Kaufkraft und Produktivität. Das macht den Sonntag ideologisch so verdächtig.

Es gibt keine Notwendigkeit, ihn zu opfern, weder aus der Sicht des Marktes, noch aus der des Kunden. Weder der eine noch der andere hat eine Not, die akut gewendet werden müsste. Die Kärntner Straße ist für den Flaneur auch schön, wenn die Läden zu sind. Das ist kein Fluchtmotiv für Bratislava. Und der Kunde bekommt das Notwendige in der Apotheke, der Bäckerei oder an der Tankstelle. Für den Rest hat er sechs Tage Zeit. Das ist nicht wenig.

Mit diesem Argument ist man sehr nahe an der Konsum-Schelte. Man muss achtgeben, sie ist so populär wie der Konsum selbst. Außerdem hat sie etwas Kränkendes, mit ein Grund, warum sie pädagogisch nicht verfängt. Für viele Menschen, die sich einen maßvollen Wohlstand erarbeitet haben, ist es eine Art Selbstvergewisserung, teilzuhaben am kollektiven Konsum. Das soll man nicht geringschätzen, auch wenn erstaunlich viele beim Kaufen in der Masse so gar nicht glücklich und frei wirken.

Konsum ist nichts Verwerfliches, dennoch darf ihm die Gesellschaft im eigenen Interesse nicht alle Räume und Nischen öffnen. Der Sonntag muss Tabuzone bleiben. Mit ihm sind Werte verbunden, die über das religiöse Substrat des Tages hinausreichen. Er ist ein Widerhaken gegen die Beschleunigung des Lebens, ein Angebot, Atem zu holen. Es gibt auch die Produktivität des Innehaltens. Der freie Sonntag rechnet sich, so versteht das auch der Markt. ****

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