"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Irak kann es nur noch heißen: Vorwärts, wir müssen zurück!" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 07.12.2006

Graz (OTS) - Amerikas Ex-Außenminister James Baker und seine Kommission haben Präsident George W. Bush gestern ihren Bericht zur Lage im Irak übergeben. "Der Weg nach vorn" betiteln sie zweckoptimistisch ihr Resümee zweieinhalb Jahre nach Beginn des Irak-Feldzuges. Aber der Weg nach vorn ist George W. Bush längst versperrt. Jetzt geht es für den US-Präsidenten und für die Supermacht Amerika nur noch darum, ohne großen Gesichtsverlust einen geordneten Rückzug aus dem Zweistromland zu schaffen.

Der designierte Verteidigungsminister Robert Gates, der vor dem Scherbenhaufen der Politik seines Vorgängers Donald Rumsfeld steht, schätzt die Lage realistisch ein. "No, Sir", antwortete er bei seinem Hearing im Senat auf die Frage, ob die USA den Krieg im Irak gewinnen. Und das, obwohl sein oberster Chef George W. noch vor wenigen Tagen auf eben diese Frage trotzig gesagt hatte: "Absolut, wir gewinnen im Irak!"

Aber der Bericht der Baker-Kommission zwingt den US-Präsidenten, den Schalter umzulegen. Die Zeit der Alleingänge ist vorbei. Bush muss jetzt mit Leuten verhandeln, die ihm eigentlich gar nicht zu Gesicht stehen.

So hat er dieser Tage Abd al Asis al Hakim, den irakischen Schiiten-Führer, im Weißen Haus empfangen. Denn nicht zuletzt an diesem Mann liegt es, ob die desaströse Situation im Irak vollends eskaliert und in einem apokalyptischen Bürgerkrieg endet, in dem nicht nur Schiiten, Sunniten und Kurden übereinander herfallen, sondern auch die Nachbarn Türkei, Iran, Saudi-Arabien und Syrien mitmischen. Will der US-Präsident "Nägel mit Köpfen" machen, muss er wohl oder übel auch direkte Gespräche mit der "Achse des Bösen", mit dem Iran und Syrien, in Erwägung ziehen.

"Wir dienen alle einem Boss - dem Volk der USA", tat Robert Gates kund. Wenn es nach diesem Boss geht, ziehen die US-Truppen sofort aus dem Irak ab. Doch eine Hals-über-Kopf-Flucht brächte nichts außer Chaos und Anarchie. Die Baker-Kommission schlägt deshalb vor, nicht überhastet, aber zügig abzuziehen - bis 2008.

Der Präsident muss dem Rat Bakers nicht folgen. Auch dem von Gates nicht. Er hat bisher nur zugesagt, die Vorschläge "ernsthaft" zu prüfen. Noch will er nicht zugeben, dass er eine Niederlage erlitten hat.

Doch wenn George W. Bush in einem Jahr nicht mit Schimpf und Schande aus dem Amt scheiden will, bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als seinen Soldaten im Irak zuzurufen: "Vorwärts, Burschen, wir müssen zurück!" ****

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