"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "ÖBB rasen ins Verderben" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 07.12.2006

Wien (OTS) - Gestern hat der Aufsichtsrat einen ÖBB-Vorstandsdirektor "wegen grober Pflichtverletzung" gefeuert. Ob das zu Recht passiert ist, wird sich erst zeigen müssen. An den eigentlichen Missständen bei den Bundesbahnen ändert die Entlassung jedenfalls nichts.
Die ÖVP hat die Verkehrspolitik nach der politischen Wende den Freiheitlichen als Spielwiese überlassen. In diesen sechs Jahren hat die FPÖ nicht weniger als vier Verkehrsminister verbraten. Michael Schmid, Monika Forstinger, Mathias Reichhold und Hubert Gorbach haben die ÖBB in Einzelgesellschaften zerschlagen und das Management der Bundesbahnen (wie auch jenes der Autobahngesellschaft Asfinag) mit einer Brutalität blau-schwarz eingefärbt, die ihresgleichen sucht. Die Zerschlagung sollte die Macht der Gewerkschaft eindämmen. ÖBB-Gewerkschaftsboss Wilhelm Haberzettel dürfte allerdings inzwischen der einzige sein, der sich in dem schwarz-blau-orangen Chaos noch auskennt. Das Management ist sichtlich überfordert und hat die Übersicht verloren.
Die Vergabe einträglicher Pfründen war der FPÖ wichtiger als das Versprechen, gegen Korruption und Postenschacher zu kämpfen. Seither rasen die ÖBB ins Verderben. Wie immer bei politischen Besetzungen sind die Gagen selbst das kleinste Problem. Wirklich teuer kommen die Fehlentscheidungen unfähiger Manager.
Ein Musterbeispiel dafür ist der Vertrag, den ÖBB und Regierung über das Koralm-Projekt geschlossen haben. Dieser vier bis fünf Milliarden Euro teure Tunnel zwischen der Steiermark und Kärnten ist so notwendig wie ein Kropf. Die Zeitersparnis steht in keinem Verhältnis zu den Kosten. Das ganze Projekt dient vor allem der höheren Ehre des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider.
Trotzdem haben die ÖBB-Manager zugestimmt. Der Grund ist einfach zu erraten: Viele von ihnen verdanken ihre Jobs der Politik und mussten sich erkenntlich zeigen. Dagegen opponiert hat pikanterweise nur der gestern entlassene Infrastruktur-Direktor Alfred Zimmermann.
Es ist deshalb allerhöchste Zeit, die Verkehrspolitik wieder auf vernünftige Beine zu stellen. Der nächste Verkehrsminister wird hoffentlich endlich wieder ein Profi sein. Er wird viel zu tun haben:
Gezielter und sparsamer Straßenbau statt Geldverschwendung für Raser-Teststrecken; Ausbau der überlasteten Westbahn und Verbesserungen bei den teilweise desolaten Pendlerzügen statt Errichtung eines überflüssigen Prestige-Tunnels; betriebswirtschaftliche Kalkulation statt teurer Horuck-Aktionen.
Um das zu erreichen, wird man sich wieder einmal um teures Geld vorzeitig von hoch bezahlten Managern trennen müssen. Die nötigen Abfertigungen werden sich schnell bezahlt machen.

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