IHS-Studie: Selbstbehalte sind auf lange Sicht nur Kostenverursacher

Volkswirtschaft muss Mehrkosten durch Folgeschäden bewältigen - Ärztekammer sieht sich in ihrer Ablehnung von Selbstbehalten bestätigt

Wien (OTS) - Mehr Ersparnis und weniger Kosten für die Sozialversicherung - so lautete 2004 die Rechtfertigung des Gesundheitsministeriums, als damals die Selbstbehalte für optische Sehbehelfe stark erhöht wurden. Dass Leistungskürzungen der Sozialversicherung langfristig aber mit enormen Nachteilen behaftet sind und sich nicht nur auf private Haushalte finanziell negativ auswirken, hat jetzt eine Analyse des Instituts für Höhere Studien (IHS) ergeben. Demnach ist die gesamte Volkswirtschaft in Österreich von den Folgen erhöhter Selbstbehalte betroffen. ****

"Wir haben immer schon vor diesen Folgen gewarnt. Jetzt haben wir die Bestätigung aber Schwarz auf Weiß", betont der Präsident der Ärztekammer für Wien, Walter Dorner. Die Wiener Standesvertretung war Auftraggeber der IHS-Studie mit dem Titel "Volkswirtschaftliche Effekte von Leistungskürzungen am Beispiel optischer Sehbehelfe".

"Selbstbehalte sind medizinisch nicht vertretbar, sozial ungerecht und bringen letztendlich doch nicht mehr Geld für das Gesundheitssystem im Gesamten. Warum also werden trotzdem immer wieder neue Selbstbehalte angedacht?", kritisiert der Ärztekammerchef massiv in Richtung Politik.

Höhere Ansprüche für Pflegegeld und Invaliditätspensionen

Ende 2004 war der Mindest-Selbstbehalt bei Brillen und Kontaktlinsen am kassenfinanzierten Anteil der Sehbehelfskosten von 24,20 Euro auf 72,60 Euro erhöht worden.

In ihrer Studie beziehen sich die Autoren auf die (Mit-)Versicherten der Wiener Gebietskrankenkasse. Die Ergebnisse wurden anhand von Daten für das Jahr 2003 errechnet. "Unsere Analyse hat dabei ergeben, dass sich in etwa 5800 Patientinnen und Patienten jährlich aufgrund der finanziellen Mehrbelastung durch den erhöhten Selbstbehalt nicht beim Augenarzt untersuchen lassen", so die IHS-Studienautorin Monika Riedel. Dadurch erspare sich die Sozialversicherung pro Jahr 656.000 Euro sowie weitere 823.000 Euro, die sich durch die verringerte Behandlungsdauer für das statistische restliche Leben ergeben.

Den kurzfristigen Einsparungen stehen laut IHS-Studie jedoch Mehrausgaben in Höhe von rund 1,7 Millionen Euro gegenüber, die für vermehrte Ansprüche für Pflegegeld und Invaliditätspensionen ausgegeben werden müssen. Zudem fallen weitere 434.000 Euro an, die den Produktivitätsverlust, der aus der Arbeitsunfähigkeit durch die Folgeschäden der zu spät erkannten Krankheiten entsteht, ausgleichen. "Insgesamt", erklärt Riedel, "muss die Volkswirtschaft also Mehrausgaben von rund 656.000 Euro bei den im Einführungsjahr betroffenen Patienten mit den zu spät erkannten Krankheiten Glaukom (Grüner Star, Anm.) und Makuladegeneration, bedingt durch die Erhöhung der Selbstbehalte für optische Sehbehelfe, bewältigen".

"Die Erhöhung von Selbstbehalten löst, wie man an diesem Beispiel sehr gut sehen kann, mehrfache, positive und negative, kurzfristige und langfristige Effekte auf Patienten, Krankenkassen, Ärzte und öffentliche Haushalte aus," fasst Leo Chini, Honorarprofessor am Institut für BWL der Klein- und Mittelbetriebe an der Wirtschaftsuniversität Wien mit Forschungsschwerpunkt Gesundheitsökonomie, die Ergebnisse aus seiner Sicht zusammen. Eingriffe dieser Art seien also aufgrund ihrer mannigfachen Wechselwirkungen besonders genau zu planen, um negative gesamtwirtschaftliche Effekte zu vermeiden. Chini: "Was heute rasch, ohne die Folgewirkungen zu bedenken, beschlossen wird, hat nachhaltige negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung noch Jahrzehnte später."

Gefährliche Folgeschäden bei zu später Behandlung

"Werden Erkrankungen des Auges zu spät erkannt, sind Folgeschäden für den Patienten und Folgekosten für das Gesundheitssystem nicht mehr aufzuhalten", warnt auch Helga Azem, Augenärztin und Obfrau der Sektion Fachärzte der Kurie niedergelassene Ärzte der Ärztekammer für Wien. Nicht erkannte Augenerkrankungen könnten zu irreversiblen Schäden bis hin zur Erblindung führen.

"Auch in Österreich leben Familien, die gut überlegen müssen, ob sie sich den Arztbesuch leisten können oder ob die Anschaffung einer Brille im Monatsgeld drinnen ist", so Azem. Die Politik dürfe daher nicht kontraproduktiv sein, indem sie diesen Menschen auch noch Barrieren aufstelle. Azem: "Es muss vielmehr die Aufgabe unserer Politiker sein, Gesundheit für alle erschwinglich zu machen." Dies sei auch zentrale Forderung der Ärztekammer an die neue Regierung. (kp)

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