WirtschaftsBlatt Kommentar vom 6. 12. 2006: Boris Nemsic braucht eine Zukunftsstory - von Arne Johannsen

In der Wirtschaft ist das Ende einer Privatisierung erst der Anfang

Wien (OTS) - Auf den ersten Blick schaut es nach einem neuen Werbeslogan der Telekom Austria (TA) aus: 0:3. Doch dieses Ergebnis bedeutet nicht, dass der Kunde für null Cent in drei Netze telefonieren kann. Das 0:3 der Telekom Austria bedeutet, dass das Unternehmen bei drei Privatisierungen bzw. Lizenzvergaben in Süd-osteuropa den Kürzeren gezogen hat. Erst in der Slowakei, dann beim serbischen Mobilfunker Mobi63, gestern bei der bosnischen Telekom Srpske. Übernahme höchstwahrscheinlich gescheitert, Wachstumsstory beschädigt. Nach einer Erfolgsgeschichte hört sich das nicht an.

Doch Vorsicht vor allzu schnellen Urteilen. Denn anders als beim Fussball entscheidet sich der Erfolg von Firmenübernahmen nicht nach 90 Minuten, sondern erst nach zwei, drei Jahren. In der Wirtschaft ist das Ende eines Privatisierungsverfahrens erst der Anfang. Denn teuer einzukaufen ist keine Kunst. Entscheidend ist, mit der übernommenen Gesellschaft oder der gekauften Lizenz auch Geld zu verdienen.

Insofern ist das zurückhaltende Agieren von TA-Chef Boris Nemsic in Bosnien ein Zeichen von Vernunft, nicht von Schwäche - der serbische Konkurrent hat fast 40 Prozent mehr geboten. Denn auch die Telekom-Branche hat Boom und Crash schon hinter sich, manch einer kaut noch heute an den viel zu teuer erworbenen UMTS-Lizenzen. Mit seiner Zurückhaltung hat Nemsic demonstriert, dass ihm Ertrag wichtiger ist als Umsatz. Keine schlechte Grundeinstellung.

Allerdings hat diese Besonnenheit einen grossen Nachteil: Sie bringt den Manager gehörig unter Druck. Im Inland führt die Telekom aufgrund von Liberalisierung und starker Konkurrenz seit Jahren ein Rückzugsgefecht. Wachstum und Gewinne kommen überwiegend aus Osteuropa, vor allem von der bulgarischen Tochter Mobiltel. Doch deren Wachstum ist bald ausgereizt, eine neue Zukunftsstory muss dringend her.

Weisse Flecken gibt es - abgesehen von echten Abenteuerländern - in Mittel- und Osteuropa nicht mehr. Der Druck, bei der weiteren Privatisierung des griechischen Telekom-Konzerns OTE zum Zug zu kommen, ist daher seit gestern gewaltig gestiegen. Doch in Athen trifft Boris Nemsic mit der Deutschen Telekom und der France Télécom auf die grossen Player Europas. Ein Schnäppchen ist damit unwahrscheinlich. Allerdings sind die Griechen an der serbischen Telekom beteiligt, der die TA jetzt in Bosnien dezent den Vortritt gelassen hat - möglicherweise ein "Freundschaftsdienst", der sich bald auszahlen könnte.

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