Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die Grund-Romantiker

Wien (OTS) - Eigentlich müsste ja jeder dieser Idee zustimmen:
Denn eine Grundsicherung mit Bedarfsprüfung würde uns endgültig der Gewissensbisse entheben, dass es in unserem Land noch Armut gibt. Daher sind vom ÖVP-Wirtschaftsminister bis zum Kardinal im Prinzip alle dafür. Jeder, der nicht arbeiten kann, solle in Anstand leben können.

Freilich: Alle Dinge, die "im Prinzip" toll klingen, sind im wirklichen Leben genau das Gegenteil. Denn kaum verändern sich die Bedingungen, unter denen man etwa zu Geld kommt, verändert sich auch das Verhalten der Menschen. Das kann man dann als "parasitär" verurteilen, wie es in Deutschland überraschte SPD-Minister nach Einführung der dortigen Grundsicherung getan haben, die letztlich doppelt so viel gekostet hat wie vorher prophezeit (daher kann man über die Kosten-Schätzungen hierzulande auch nur lachen). Man kann solch ein Verhalten aber auch als normal ansehen; wenn man dafür belohnt wird, nicht zu arbeiten, dann wird halt auch weniger gearbeitet.

Man blicke nur nach Deutschland: Dort sind zehntausende Studenten plötzlich von Zu Hause ausgezogen, um als Alleinstehende die Grundsicherung zu beziehen. Im Internet kursieren lange Listen von Ratschlägen, wie man den Kontrollen des Bedarfs und des Arbeitswillens entgeht. Paare leben seit Jahren zusammen, sind aber an verschiedenen Orten gemeldet. Auch in Österreich kennt jeder Arbeitgeber das Phänomen, wenn er einmal naiv genug war, Mitarbeiter über das AMS zu suchen: "Gehns, Herr Chef, unterschreibns, dass mi eh net wolln. Ich brauch des fürs Arbeitsamt."

All das wird auch - den Sozialromantikern zum Trotz - massenhaft passieren, sobald die Menschen erfahren, dass sie nun Anspruch auf 14 mal 720 Euro im Jahr haben. Gewiss kann jetzt schon ein Notfall sogar noch mehr Sozialhilfe bekommen: Aber da wird eben von null an jedes einzelne Element der Bedürftigkeit geprüft. Da ist man Bittsteller. Nach dem neuen Modell wird hingegen allen der gleiche Betrag in Aussicht gestellt, der nur im Einzelfall verringert werden kann -wenn sich einer beim Tricksen erwischen lässt.
Das dominierende Motto heißt: "Ich bin doch nicht blöd!" Vom Pfusch über die Sonntagszeitung und die Steuererklärung - bis zur Grundsicherung.

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