"Die Presse" Leitartikel: Unser Handy klingelt aus dem letzten Loch von Wilhelm Sinkovicz

Ausgabe vom 06.12.2006

Wien (OTS) - Mozart hätten wir abgefeiert. Was kommt jetzt? Übers Erwachen aus einem Jubiläumsjahr und die Realität.

Jetzt hätten wir also auch den Todestag überstanden. Und Mozart lebt. Daran konnte nicht einmal die quantitative Massierung an Aufführungen seiner Musik am 5. Dezember etwas ändern. Das sogenannte Musikland Österreich hingegen, das sich mit Mozarts Namen so ungeniert und, wie sich zeigt, fremdenverkehrswirksam feiert, scheint in jenen Tagen des Gedenkens ein wenig marod.
Jedenfalls fällt dem wachen Beobachter da einiges Ungereimtes auf. Das berühmteste unserer weltberühmten Orchester musizierte zum Beispiel gestern Abend gleich zweimal. Einmal Mozart-Symphonien unter Sir Simon Rattle im Theater an der Wien - dort unter dem Namen Wiener Philharmoniker. Einmal unter Christian Thielemann das Requiem in der Staatsoper. Dass sich die Musiker eigentlich im Haus am Ring zu Hause fühlen sollten, ist schon lang ein frommer Wunsch. Früher einmal war man stolz auf das erste Opernorchester des Landes, das es sich leistete, auch ein paar exquisite Konzerte pro Saison zu geben.
Wer für diesen philharmonischen Zyklus ein Abonnement besaß, der war jemand. Wer ein solches "Philharmonisches" dirigieren durfte, der war erst recht jemand. Nur die berühmtesten Pultvirtuosen kamen dran. sHeute spielen die Philharmoniker landauf, landab und darüber hinaus so viele Konzerte wie nie zuvor, keineswegs nur unter Dirigenten der ersten Reihe. Die selbsternannte "Demokratie der Könige" wählt des öfteren Angehörige des dritten musikalischen Standes zum Taktschlagen.

Nun darf man einer Musikergemeinschaft, die früher in Oper, Konzert und Schallplattenstudio sehr viel Geld verdienen konnte, kaum verweigern, mittels Konzert-Overkill, also sozusagen mit allen Mitteln ihr gewohntes finanzielles Niveau zu erreichen - in Zeiten, in denen mit Schallplatten kein Geld mehr zu verdienen ist. Ob diese konsequente Verbreiterung des Fundaments dem qualitativen Fortkommen förderlich sein kann, darf aber immerhin gefragt werden. Wer regelmäßig Vorstellungen der Wiener Staatsoper besucht, mag zumindest daran zu zweifeln beginnen, dass die Musiker hierin noch ihr Hauptgeschäft erkennen.
Ob über solche Anzeichen eines Wertewandels in Sachen künstlerischen Gewissens irgendjemand unter den sogenannten Kulturpolitikern in diesem Land nachdenkt? Wir sollten wohl davon ausgehen dürfen, dass es die vornehmste Aufgabe der Kulturpolitik sei, Weichen zu stellen für den Erhalt unserer Glaubwürdigkeit.
Österreichs international zumindest noch behauptete Vormachtstellung in Sachen Theater, Kunst, Musik - siehe eben das Mozartjahr! - könnte ins Wanken geraten angesichts der Kurzsichtigkeit, mit der zuletzt die führenden Positionen im österreichischen Kulturleben besetzt wurden.

Auch die nähere Zukunft lässt da wenig Gutes ahnen. Wie blind und taub unser Selbstbewusstsein in Sachen Kultur bereits geworden ist, lässt sich gut am Werbefernsehen ablesen. Ein Mädchen verweist auf jene triste Vergangenheit, da Weihnachtslieder noch mühselig selbst auf der Blockflöte geblasen werden mussten und noch nicht aus dem Mobiltelefon kamen. In einem angeblichen Musikland, in dem Gerichte das Klavierspielen für "nicht mehr ortsüblich" erklären und so bald jeglichem Musizieren jenseits schalldichter Bunker einen Riegel vorgeschoben haben, muss ja irgendwann selbst das "Stille Nacht" aus dem Handy herausklingeln.
In diesem Sinne ist es dann auch verständlich, dass man den Intendanten fürs Wiener Konzerthaus nicht mehr von Kennern wählen lässt, nach Maßgabe seiner Qualifikation, die ihn befähigen sollte, musikalische Visionen zu entwickeln. Heute schickt man vielmehr eine Headhunter-Agentur ins Rennen. Die wird gewiss einen tüchtigen Manager finden und könnte sich auch gleich aufmachen, einen neuen Staatsoperndirektor, pardon: -manager zu finden. Damit nicht am Ende die SPÖ eines ihrer absurden Projekte realisieren muss - entweder Gerard Mortier aus Paris nach Wien zu holen oder einem älter werdenden amerikanischen Tenor, der nicht zuvörderst für seine Teamfähigkeit berühmt geworden ist, ein Altenteil zu sichern.
Wir brauchen ja wohl, was nur scheinbar viel absurder klingt, findige Zeitgenossen, die alles vorbereiten, auf dass in nicht allzu ferner Zukunft Opernaufführungen und Konzerte den Abonnenten per SMS übermittelt werden. Dann dürfen wir endlich Staatsoper und Musikverein sprengen und an ihrer Stelle zweckmäßige Gebäude errichten. Ein Museum zum Beispiel für Mobiltelefone aus jener Ära, in der man mit ihnen Musik nur stören konnte - als diese noch live aufgeführt wurde.

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