Der Klimawandel, ein terribler Simplificateur

"Presse"-Leitartikel von Jürgen Langenbach

Wien (OTS) - Die Debatte um die Erwärmung lenkt vom Thema ab:
Es geht nicht um Kohlendioxid, es geht um Energie.

Mir gefällt der Klimawandel. Bisher stehen wir bei plus 0,8 Grad in den letzten hundert Jahren, alles andere sind Prognosen, von 1,4 bis 5,8 Grad reichen die Szenarien des UNO-Klimabeirats IPCC für das Jahr 2100. Es würde in manchen Sommern heiß, in den Wintern gemütlich. Was mir hingegen missfällt, ist die Propaganda mit dem Klimawandel - bzw. mit seiner Abwehr -, die nicht erst riecht, seit Tony Blair in seiner Not danach greift; bald wird es wohl auch George Bush tun, was ist der Irak gegen das Klima?
Aber es geht nicht nur um das Ablenken von gescheiterter Politik, auf der Erwärmung werden viele Süppchen gekocht: Sie bringt Forschern Geld, sie bringt mancher Industrie Profit, sie bringt den Medien Auflage/Quote, vor allem dann, wenn sie mit computergenerierten Schreckensbildern garniert ist, bei denen der Stephansdom im Wüstensand versinkt.
Aber sie verengt das Thema sträflich, der "Klimawandel" ist ein terribler Simplificateur: Das Thema heißt nicht "Klima", sondern "Energie". Und der Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) ist nur ein Aspekt: Das Verbrennen fossiler Energie erzeugt auch andere Emissionen - halbe Kontinente hängen unter giftigem Dunst -, und um das, was da verbrannt wird, werden Kriege geführt. All das hatte man einmal in einem integrierten Blick, er hieß "Energiedienstleistung": Das meinte, dass niemand x Liter Heizöl oder y Kubikmeter Erdgas braucht, aber jeder eine warme Stube. Für Mobilität gilt Analoges.

Es ging darum, den Output an Dienstleistung zu maximieren und den Input an Energie zu minimieren, ein mühsames Geschäft mit tausenden Details von der Wärmedämmung bis zur Getränkeverpackung, Glas oder Plastik? All das musste durchgerechnet werden, etwa auch, ob es klug ist, in Felder Energie zu stecken - Dünger -, um "Energiepflanzen" zu ernten. Oder ob es weise ist, Arbeit hart zu besteuern und Energie milde.
Aber dann kam, Ende der 80er-Jahre, das neue Schlagwort, es machte Karriere wie kein zweites, Mitte der 90er stand der "Klimawandel" auf der Agenda der UNO. Damit war das Thema auf einen Aspekt coupiert:
Das CO2 musste minimiert werden, es war das Problem. Und so begaben sich Wunder: Als man um das Jahr 2000 Bilanz zog, hatten drei Länder den CO2-Ausstoß verringert, Russland, Deutschland, England. In Russland und der DDR war der Kommunismus zusammengebrochen, in England hatte man von Erdöl auf Erdgas umgestellt, das macht weniger CO2.
Diese Logik herrscht bis heute, der Output an CO2 muss minimiert werden oder irgendwo verschwinden. Das gebiert absonderlichste Ideen, von der Endlagerung des CO2 in der Tiefsee bis zur Abdunkelung der Erde durch Verschmutzung der Atmosphäre. In solche Pläne geht das Geld, in solche Pläne geht das Nachdenken von Heerscharen von Forschern. Aber das muss es doch auch, wenn die Not so groß ist?

Ist sie so groß? Wer vom "Klimawandel" redet, deutet gerne und ausschließlich auf Verlierer, bei uns auf Skigebiete in mittleren Höhen, international etwa auf Bangladesch, das durch die Erhöhung der Meeresspiegel unter Wasser zu geraten droht. Krokodilstränen, Bangladesch steht jedes Jahr unter Wasser, es interessiert nur niemanden! Und die Gegenrechnung kommt nie vor. Es wird Gewinner geben, riesige Flächen in Russland und Nordamerika etwa, die heute nicht nutzbar sind, weil sie im Permafrost liegen.
Auch bei uns hätten die meisten etwas davon, die Bauern könnten länger ackern, wir alle müssten weniger heizen. Zynismus? Mitnichten. Nur ein Plädoyer für das Zurechtrücken der Perspektive: Wir brauchen die verfügbaren ökonomischen und intellektuellen Ressourcen nicht zur Abwehr des Klimawandels, sondern zu einem neuen Anlauf zur Lösung des Energieproblems, dorthin gehört das Forschungsgeld. Gelänge das, wäre das Klimaproblem mitgelöst. Blauäugig? Vielleicht, der Energiehunger ist groß, die anderen wollen auch so leben wie wir, und das mit Recht.
Aber das wird sich technisch nicht machen lassen, sondern nur mit einer Änderung des Lebensstils, wir sind wieder beim Zähen der 80er-Jahre. Erinnern Sie sich etwa noch an die Idee von Fahrgemeinschaften? Stellen Sie sich an eine x-beliebige Straße in Wien (oder anderswo) und beobachten Sie den Verkehr: Wagen an Wagen -oft von der Machart her zur Nashornjagd geeignet -, in jedem sitzt eine Person und erschauert vielleicht gerade über die letzten Schreckensnachrichten vom Klimawandel. Oder hört die Werbung vom Billigflug nach Paris, der weniger kostet als das dort verzehrte Mittagessen.

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